28. Juli 2010
Katastrophe bei der Loveparade hält Bahnhofsmission in Atem
Mitarbeitende berichten betroffen von ihrem Einsatz auf dem Duisburger Hauptbahnhof

Foto: Archiv der Bahnhofsmission Köln
Rund um die Uhr waren die 25 haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitenden der Bahnhofsmission Duisburg während der Loveparade am 24. Juli im Einsatz.
Schon seit Wochen war der Einsatz der Mitarbeitenden der Duisburger Bahnhofsmission mit Bundesbahn, Bundespolizei und Hilfsdiensten abgesprochen. „Wegen der Loveparade wurde der ganze Reiseverkehr völlig anders organisiert. Wir sollten uns auf den Gleisen 1 und 6 vor allem um die „normalen“ Reisenden kümmern, die hier in Duisburg stranden und einen weiteren Anschluss brauchen.“, so berichtet Bodo Gräßer, Leiter der Bahnhofsmission vom Diakonischen Werk Duisburg. Die 25 überwiegend ehrenamtlich Mitarbeitenden waren in drei Schichten von morgens um 7:30 bis nachts um 3:00 Uhr eingeteilt. Bis 15:30 Uhr lief auch alles ganz normal. „Der Zuverkehr lief störungsfrei. Das Wegeleitsystem im Bahnhof hat sehr gut funktioniert. Es herrschte gute Stimmung. Wir sind fröhlichen Menschen begegnet.“, so Bodo Gräßer.
Dann kippte die Stimmung aber zusehends. Es kamen immer mehr Menschen vom Veranstaltungsgelände zurück. Der Ton wurde gereizter. „Viele sind von weit her angereist. Am Donnerstagabend haben wir noch einem jungen Mann aus Mexiko geholfen, ein Zimmer zu finden. Jetzt kamen sie nicht mehr aufs Gelände. Das hat natürlich Frust erzeugt.“
Immer mehr junge Leute strömten in den Bahnhof zurück. Da erfuhr die Bahnhofsmission aus den Medien von dem Unglück. Was sich in den darauf folgenden Stunden abspielte, hat Bodo Gräßer noch nie erlebt. „Ich bin jetzt seit 23 Jahren in ganz unterschiedlichen Bereichen in der Bahnhofsmission tätig. Ich habe schon einen Suizid mitten im Bahnhof erlebt. Aber was da auf uns zugerollt ist, das war unbeschreiblich. Wir wurden regelrecht überrannt.“
Gräßer berichtet von jungen Menschen, die panikartig, noch unter Schock stehend, zu den Gleisen rannten und schrieen „Ich will hier raus! Ich will hier raus!“. Ein junger Mann kam mit einem Schuh, einem verbundenen Fuß, nur mit einer Hose bekleidet. Hier konnte die Bahnhofsmission aus ihrem Kleiderfundus helfen. Dann konnten sie ihn mit Unterstützung der Bundespolizei durch die Absperrungen hindurch in den Zug nach Hause bringen. Viele konnten in der Bahnhofsmission telefonieren, nachdem die Handy-Netze zusammen gebrochen waren. Eine junge Frau, deren Freund bei dem Gedränge umgekommen war, konnte an einen Notfallseelsorger weiter geleitet werden. In Absprache mit dem Bahnhofsmanagement wurde ein Notfallseelsorger im Erste-Hilfe-Zelt auf dem Bahnhof positioniert. Verlorene Rucksäcke, geklaute Portemonnaies, gestresste, verängstigte Menschen.
„Erst nach und nach realisieren unsere überwiegend ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, was am Samstag abgegangen ist.“ In Einzelgesprächen und Teamsitzungen versucht Bodo Gräßer derzeit, diese traumatische Ausnahmesituation zu bearbeiten.
Er schätzt, dass am Samstag weit mehr als die offiziellen 105 000 Menschen mit der Bahn angereist sind. „Gott sei Dank, ist es im Bahnhof selber nicht zu größeren Verletzungen gekommen. Unser Wegeleitsystem hat funktioniert. Die Zusammenarbeit mit Bundesbahnmitarbeitenden, Bundespolizei und anderen Hilfsdiensten hat sehr gut geklappt. Wir waren gut vorbereitet und sind auch schon gut aufeinander eingespielt.“, so Gräßer.
In Duisburg arbeitet eine von insgesamt 23 Bahnhofsmissionen in Rheinland-Westfalen-Lippe. Träger ist das Diakonische Werk Duisburg in Zusammenarbeit mit der Caritas. Bundesweit gibt es über 100 Bahnhofsmissionen.