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Archiv 2010

23. Juni 2010

Für gerechte Verhältnisse eintreten

Mitgliederversammlung der rheinischen Diakonie

Pfarrer Dietrich Humrich (Kreuznacher Diakonie), Vorsitzender des Diakonischen Rates bei der Begrüßung

Das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche im Rheinland, das zusammen mit der westfälischen und lippischen Diakonie die Diakonie RWL bildet, vertritt rund 1 500 evangelische Sozialeinrichtungen und Gemeinden. Auf der diesjährigen Mitgliederversammlung in Duisburg standen aktuelle sozialpolitische Fragen und organisatorische Veränderungen auf dem Programm. Vorstand Dr. Uwe Becker zog eine positive Bilanz für die rheinische Diakonie.

Die Arbeit der Diakonie dürfe trotz aller ökonomischen und organisatorischen Zwänge nicht die Basis biblischer Traditionen verlassen. Diese Ansicht vertrat Diakonie-Vorstand Dr. Uwe Becker in seinem Bericht vor rund 250 Vertreterinnen und Vertretern diakonischer Einrichtungen aus dem Rheinland. Es sei biblischer Auftrag für die Diakonie, sich um gerechte Lebensverhältnisse, Menschenwürde und gesellschaftliche Teilhabe zu bemühen. „Es geht ja nicht um eine nachweisliche Heiligkeit unserer Arbeit, sondern um die Spurensuche, wie wir dem biblischen Anspruch genügen, dass wir uns im weitesten Sinne des Wortes um gerechte Verhältnisse bemühen.“ Praktische Beispiele für diese Bemühungen sind der Einsatz der Diakonie für einen Sozialbericht im Saarland, der Armuts- und Reichtumsbericht in Rheinland-Pfalz, das Konzept „Tafel plus“ oder die Mitwirkung an der Bleiberechtskampagne. Mit Blick auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu den Hartz IV-Regelsätzen forderte Becker eine Sozialstaatsdebatte, die nach Kriterien der Gerechtigkeit frage.

 

Schonungslose Aufklärung

Ausführlich widmete sich Becker dem Thema Missbrauch in kirchlichen und diakonischen Einrichtungen der 50er und 60er Jahre. Die Diakonie und ihre Einrichtungen stehen hier in der Verantwortung schonungslos aufzuklären. Es dürfe aber nicht bei einer historischen Betrachtung bleiben: „Wir müssen die Vorgänge der Vergangenheit zum Anlass nehmen, sensibler mit der Pädagogik der Gegenwart umzugehen.“ Zum Beispiel sei es wichtig, Opfern einen geschützten Raum für die Anzeige ihrer Erfahrungen zu geben. Auf dieses Thema ging insbesondere Maria Loheide, Geschäftsbereichsleiterin für Familie, Bildung und Erziehung bei der Diakonie RWL, ein. Nach ihren Angaben haben sich bei der Diakonie RWL bisher knapp 25 Betroffenen gemeldet, die von Missbrauchserfahrungen in diakonischen Einrichtungen berichten. Kirche und Diakonie haben eine gemeinsame moralische, historische und politische Verantwortung, der es gerecht zu werden bedarf. Deshalb hat die Diakonie RWL Ansprechpersonen für Opfer benannt, in Fachgesprächen Einrichtungen für das Thema sensibilisiert und in einem Internetdossier Informationen zusammengestellt. Für die rheinische Landeskirche unterstrich Kirchenrätin Katja Wäller, dass es eine besondere Verantwortung gäbe, der sich die Kirche über juristische Klärung hinaus stellen müsse. Empathie und Vorbeugung seien deshalb gefragt.

 

Ulrich Christofczik (Geschäftsbereichsleiter)

Vernetzte Diakonie

Vorstand Dr. Uwe Becker sprach sich für eine enge Vernetzung von diakonischem Verband und Einrichtungen vor Ort aus. Das Zusammenspiel von Erfahrungswissen aus der Praxis und politischer Lobbyarbeit auf Verbandsebene sei ein Pfund, mit dem die Diakonie wuchern könne. „Es ist ein hohe Gut, dass wir im Ranking um die politische Wahrheitssuche mit gesicherten Daten und Fakten aufwarten, die nahe an der Lebensrealität der Betroffenen sind, während manche politische Äußerungen doch eher als „anstrengungslose Rhetorik“ zu bewerten sind.“ Als konkrete Beispiele von diakonischer Vernetzung nannte Becker die Diskussion um das Wohn- und Teilhabegesetz, bei dem es in der Praxis erhebliche Umsetzungsschwierigkeiten gab. Den bürokratischen Aufwand des Gesetzes kritisierte auch Geschäftsbereichsleiter Ulrich Christofczik, bei der Diakonie RWL für Pflege, Alten- und Behindertenarbeit zuständig. In seinen Ausführungen über aktuelle Entwicklungen in der Altenpflege befasste er sich auch mit der Diskussion um die Transparenzberichte. Er unterstrich die Position der Diakonie RWL, dass die derzeitige Form der Berichte keine ehrliche Transparenz biete und eine Reform des Prüfsystems dringend angeraten sei. Diakonische Unternehmen stünden hier unter enormem Wettbewerbsdruck und müssten deshalb ihre diakonische Identität als Marktvorteil entdecken.

 

Kirchliches Arbeitsrecht

Die Entscheidung des Arbeitsgerichts Bielefeld, das die eigene Arbeitsrechtssetzung von Kirche und Diakonie auch ohne Streikrecht als legitim ansieht, begrüßte Becker. „Damit wird aber das Selbstbestimmungsrecht der Kirche auch zur Selbstverpflichtung für Kirche und ihre Diakonie, anders formuliert: Dem Recht muss auch die Suche nach Gerechtigkeit folgen.“

 

Neue Strukturen der Diakonie in Rheinland-Pfalz

Erfreuliches hatte Becker aus Rheinland-Pfalz zu berichten. Dort ist es nach langjähriger Vorbereitung gelungen, die Verbandsarbeit der Diakonie neu zu organisieren um Kräfte zu bündeln. Die drei Landeskirchen aus dem Rheinland, der Pfalz und aus Hessen-Nassau haben sich mit ihren Diakonischen Werken darauf geeinigt, dass ab 1. Januar 2011 eine Arbeitsgemeinschaft Diakonie in Rheinland-Pfalz an den Start gehen soll, die sowohl die Spitzenverbandsarbeit als auch Beratungstätigkeit für Mitglieder übernimmt. An der Spitze wird ein Sprecher stehen, der vom Diakonischen Werk Pfalz benannt werden wird.

 

Bericht des Vorstands zum Download:
Bericht_des_Vorstands.pdf

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