4. November 2010
Markt ohne Moral
Braucht die Wirtschaft neue Werte?

Zur Frage „Braucht die Wirtschaft neue Werte?“ diskutierte der Vorstand der Diakonie RWL, Pfarrer Dr. Uwe Becker, beim Jahresempfang des Evangelischen Kirchenkreises Lennep in Remscheid. Becker sprach sich dagegen aus, das Gewissen des Einzelnen in Wirtschaftsfragen zu hoch zu bewerten. Wichtiger sei es, dass der Staat für Verteilungsgerechtigkeit sorge.
Mehr als 160 Gäste aus Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kirche konnte Superintendent Hartmut Demski beim Jahresempfang des Evangelischen Kirchenkreises begrüßen. Bei der Podiumsdiskussion wandte sich Dr. Uwe Becker vom Vorstand der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe dagegen, das Gewissen des Einzelnen in Wirtschaftsfragen zu hoch zu bewerten. „Es gibt Menschen, die begehen mit einem guten Gewissen die größten Gräueltaten, und andere tun mit einem schlechten Gewissen Gutes!“ In moralische Kategorien lasse sich der „hoch anonymisierte Kapitalmarkt, der die Finanzkrise provoziert hat“, nun einmal nicht fassen. Und egal, wie das Gewissen eines Investmentbankers ausgeprägt sei: „Mit seinem Job verbieten sich bestimmte moralische Werte!“ Systemveränderungen könnten nur von einem „starken Staat ausgehen, der massiv eingreift!“
Stattdessen sprach sich Becker für ein stärkeres staatliches Engagement aus zur Schaffung von mehr Verteilungsgerechtigkeit, damit die Gesellschaft nicht weiter auseinander drifte. "Viele Menschen befinden sich in dramatischen Lebenssituationen. Wenn so viele Menschen Hunger leiden, dann soll mir keiner mit schlechtem Gewissen kommen. Strukturen müssen geändert werden. Nur so kann mehr Verteilungsgerechtigkeit erreicht werden." Hier sei die Politik gefordert. Statt entsolidarisierend von spätrömischer Dekadenz zu sprechen, forderte Becker, mehr Steuern bei Besserverdienenden abzuschöpfen und für Verteilungsgerechtigkeit zu sorgen.