17. November 2010
Transparenz und Vertrauen als Schutz vor Missbrauch
Erziehungshilfe Experten der Diakonie RWL diskutieren Präventionsmaßnahmen auf der 27ff-Jahrestagung
Angeregte Gespräche in den Pausen
Kinderheime und Jugendhilfeeinrichtungen sollten mit konkreten Präventionsmaßnahmen und einer Kultur der Transparenz und des Vertrauens Missbrauchsfällen gegenüber Kindern und Jugendlichen vorbeugen. So das Fazit einer Tagung des Fachverbandes Erzieherische Hilfen RWL.
Es bestehe ein natürliches Gefährdungsrisiko, dass es in Einrichtungen der Erziehungshilfe zu Grenzverletzungen kommen könne, so Rainer Kröger, Vorsitzender des Bundesverbandes für Erziehungshilfe, in seinem Vortrag. Die helfende Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sei geprägt von emotionaler Nähe, die diese Gefahr mit sich bringe. In familienähnlichen Wohngruppen gäbe es eine „niedrigschwellige Gelegenheitsstruktur". Hinzu kämen Machtstrukturen und Abhängigkeitsverhältnisse, psychische Belastung des Personals und schon vorbelastete Kinder, die nicht gelernt hätten Grenzverletzungen abzuwehren. Deshalb sei es dringend geboten, dass sich Einrichtungen dieser Risiken bewusst sind und präventiv dagegen vorgehen.
Respekt für Opfer und Schutz vor Verdächtigungen
„Grenzverletzungen fallen nicht vom Himmel, sie entwickeln sich“, betonte Kröger und verwies darauf, dass auch rigide Organisationsstrukturen und ein fehlendes Klima des Vertrauens in einer Einrichtung Missbrauchsfällen Vorschub leisten können. „Wir dürfen sexuelle Gewalt und Missbrauch nicht auf individuelles Fehlverhalten einzelner Personen reduzieren. Das hat auch etwas mit Strukturen zu tun.“ Jugendhilfeeinrichtungen sollten deshalb um Grenzverletzungen vorzubeugen, Grenzen klar definieren und Verletzungen ahnden. Es geht um eine Kultur der Organisation, wie man mit diesem Thema umgeht. Verdachtsmomente müssten zügig geklärt werden, wobei potentiellen Opfern Respekt verwiesen werden muss und Mitarbeiter vor falschen Verdächtigungen geschützt werden sollen.
Der Vorsitzende des Fachverbandes 27ff, Reinhard Wüst, und sein Stellvertrer, Klaus Graf (v.l.)
Grenzverletzungen unterhalb der Strafbarkeit
Im Alltag der Einrichtungen geht es dabei nicht um gravierende Fälle von sexuellem Missbrauch oder offensichtlicher Gewalt. „Es geht um eine Grauzone, die Grenzen unterhalb der Strafbarkeit“, erklärte der Experte die Schwierigkeit, diese Tabus zu definieren. Helfen kann dabei gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen Verhaltensregel und Rechte zu definieren und sie darüber aufzuklären. Mitarbeiter sollten regelmäßig geschult werden und Führungskräfte sollten wissen, wie sie angemessen auf Verdachtsmomente reagieren. Auch eine neutrale Beschwerdestelle für die Kinder und Jugendlichen sei sinnvoll.
Ethik in der Erziehungshilfe
Noch weiter ging Klaus Graf, stellvertretender Vorsitzender des Fachverbandes Erzieherische Hilfen RWL, in seinem Vortrag. Um Missbrauch vorzubeugen, brauche die Erziehungshilfe eine neue Ethikdiskussion, in der die Fragen nach Würde und Autonomie des Kindes und Aufwachsen in Gerechtigkeit im Mittelpunkt stehen. (mehr dazu im Interview weiter unten)
Handreichung Kinderschutz in der Erziehungshilfe
Als praktische Hilfe für die Einrichtungen vor Ort hat der Fachverband auf der Tagung eine Handreichung mit dem Titel „Kinderschutz in der Erziehungshilfe“ vorgestellt. Darin gibt es Anleitungen, Leitfäden und Diskussionsbeiträge zum Thema. In zahlreichen Praxisbeispielen wird versucht, die Grauzone der noch nicht juristisch relevanten Grenzverletzungen beleuchtet. „Wir wollen erreichen, dass unsere evangelischen Kinderheime und Jugendhilfeeinrichtungen die Prävention von Missbrauch und Gewalt ganz oben auf ihre Agenda setzen,“ so Maria Loheide, Geschäftsbereichsleiterin Familie und Bildung bei der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. Die Handreichung ist ab Anfang 2011 erhältlich.
Material zur Jahrestagung
Ethik in der Erziehungshilfe
Interview mit Klaus Graf, stellv. Vorsitzender des Fachverbandes 27ff

Diplom Sozialarbeiter Klaus Graf ist Geschäftsführer der Evangelischen Jugendhilfe Godesheim, Bonn.
Herr Graf, die evangelischen Erziehungshilfeeinrichtungen in RWL diskutieren auf ihrer Jahrestagung über Missbrauch und Gewalt in den Einrichtungen. Geht es eher um Vergangenheitsbewältigung oder um gegenwärtige Probleme?
Auch die Einrichtungen der evangelischen Erziehungshilfe werden seit geraumer Zeit mit den dunklen Kapiteln ihrer Vergangenheit konfrontiert. Ohne Frage müssen wir uns auch als entsprechender Fachverband in dieser Hinsicht unserer historischen Verantwortung stellen. Dies geschieht bereits seit längerem innerhalb verschiedener Gremien und Strukturen, die hierzu geschaffen wurden.
Auf der Jahrestagung wollen wir uns nun mit den gegenwärtigen Herausforderungen in unseren Organisationen beschäftigen. Ein wesentlicher Aspekt dabei wird in diesem Zusammenhang die Frage nach der wünschenswerten Kultur in unseren Einrichtungen sein.
Sie referieren über Ethik als Thema der Erziehungshilfe. Was meinen Sie damit im Allgemeinen?
In vielen anderen gesellschaftlichen Handlungsfeldern sind in den vergangenen Jahren sogenannte Bereichsethiken entstanden. So existiert z.B. eine Medizinische Ethik, eine Pflegeethik, eine Medienethik, eine Umweltethik usw. Ich vertrete die Auffassung, dass es an der Zeit ist, auch eine Ethik der Kinder- und Jugendhilfe zu konzipieren. Ethik verstehe ich hierbei als Kritik und Theorie der vorherrschen Moral. Als beschreibende oder deskriptive Ethik hat sie diese jeweiligen Moralvorstellungen zu analysieren. Als vorschreibende oder präskriptive Ethik hat sie bereichsspezifische Normen, Werte und Haltungen zu entwickeln.
Und welche ethischen Herausforderungen stellen sich speziell bei der Gewalt- und Missbrauchsthematik?
Gewalt ist eine der Quellen von Macht. Es geht daher in ethischer Hinsicht zum einen darum, die Machtstrukturen in unseren Einrichtungen und Diensten im Rahmen einer deskriptiven Ethik zu analysieren. Und zum anderen dann weiter darum, entsprechende normativ-ethische Leitlinien zu entwickeln.
Wenn es um ethisches Handeln in der Erziehungshilfe geht, ist das nur eine Frage an den einzelnen Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin oder sollte die Ethik auch bei Strukturen und Organisation ein Thema sein?
Es darf nicht alleine um individualethische Aspekte gehen. Die Frage nach einer entsprechenden Organisations- oder Unternehmensethik gehört ebenso zwingend in diesen Bereich. Darüber hinaus müssen zusätzlich auch sozialethische Aspekte auf jugendhilfepolitischer Ebene bedacht werden.
Gibt es in evangelischen Einrichtungen auch eine evangelische Ethik? Also, welche biblischen und theologischen Impulse kann es für die Erziehungshilfe geben?
Dies hängt prinzipiell davon ab, wie man das Verhältnis von theologischer und philosophischer Ethik versteht. Ich bin der Auffassung, dass auch eine theologische Ethik keine anderen Methoden und Theorien anwenden kann und darf wie die philosophische Ethik. Theologisch gesprochen: Die Arbeit in evangelischen Erziehungshilfeeinrichtungen vollzieht sich ebenso wie jedwede anders motivierte Erziehungshilfe unter dem „Gesetz“. Die entscheidenden Unterschiede bestehen vielmehr in den sogenannten vorethischen Fragen. Hierzu gehört vor allem die Frage nach der Sicht des Menschen. In evangelischer Perspektive ist vor allem auch die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium bedeutsam Dies alles erhält durch tiefe biblische Bilder und Szenen eine ganz unverwechselbare Färbung und Kraft.