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Archiv 2011

4. Februar 2011

175 Jahre Kaiserswerther Diakonie

Einblicke zur Diakonie gestern und heute

Theodor Fliedner

Heute ist Kaiserswerth ein Stadtteil von Düsseldorf. Würde man in aller Welt eine Umfrage machen, ob Düsseldorf oder Kaiserswerth bekannter ist, könnte es sein, dass mehr Menschen von Kaiserswerth gehört haben. Denn die weltweit erste Diakonissenanstalt, vor 175 Jahren vom örtlichen Gemeindepfarrer Theodor Fliedner gegründet, schuf mit dem Amt der Diakonisse ein neues diakonisches Frauenamt, das das Bild von Diakonie insgesamt über Jahrzehnte geprägt hat.


Von der Diakonissenanstalt zum sozialwirtschaftlichen Großunternehmen

Dass er einer der bedeutendsten Gründerväter der Diakonie werden würde, konnte der Kaiserswerther Pfarrer Theodor Fliedner kaum ahnen, als er 1836 eine Ausbildungsstätte für evangelische Krankenpflegerinnen gründete. Dies wurde die Geburtsstunde der heutigen Kaiserswerther Diakonie und der schon im 19. Jahrhundert weltumspannenden Bewegung der Diakonissen-Mutterhäuser. Der Pragmatiker Fliedner erkannte die gravierenden Defizite in der Krankenversorgung und sah, dass in den Wirren der Armutskrisen jener Zeit insbesondere Jugendliche unter die Räder kamen. Fliedner wurde als „Inspektor“ Leiter der Diakonissenanstalt, seine erste Ehefrau Friederike (1800 bis 1842) leitete als Vorsteherin die Schwesternschaft und übernahm insbesondere die Verantwortung für die berufspraktische und spirituelle Ausbildung der Diakonissen. Mit Haube und Tracht als zugleich geistlichem und beruflichem Erkennungszeichen wurden die Diakonissen, von Kaiserswerth ausgehend, zu markanten Symbolen evangelischer „Liebestätigkeit“. Diese Ausstrahlung reichte bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Kaiserswerth selbst wuchs seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, wobei sich Fliedners zweite Ehefrau Caroline besondere Verdienste erwarb. Die von Fliedner begründeten Arbeitsfelder der Krankenpflege und der Betreuung und Erziehung von jungen Menschen, verbunden mit einem vorbildlichen Ausbildungswesen, gehören heute noch zum Kern der Arbeit in der Kaiserswerther Diakonie. Der Düsseldorfer Stadtteil der Nächstenliebe ist allerdings mit seinen mehr als 2.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf eine Größe angewachsen, die vor 175 Jahren nicht vorherzusehen war.

Caroline Fliedner

Jubiläumsjahr 2011: Vergewisserung und Ausblick

Es gibt viel zu feiern in Kaiserswerth 2011. Am 26. Januar jährte sich der Geburtstag von Caroline Fliedner zum 200. Mal. Der 1916 gegründete Kaiserswerther Verband deutscher Diakonissen-Mutterhäuser blickt auf sein 95jähriges Bestehen zurück. Seit zehn Jahren gibt es die Kaiserswerther Schwesternschaft. Das 175-Jahre-Jubiläum wird im Herbst mit einem Mitarbeiterfest, einer Kulturnacht und einem Symposium begangen. Die 1861, also vor 150 Jahren, gegründete Generalkonferenz erinnert im Oktober mit Vertretern aus allen Kontinenten an ihre Gründungsversammlung.

Diakonietypisch werden die Jubiläumsdaten zum Anlass genommen, den Weg der Diakonie im Sozialmarkt von heute vielfältig zu bestimmen. Bei seinem Vortrag vor der Konferenz theologischer Vorstände des Kaiserswerther Verbandes umriss Pastor Günther Barenhoff, Vorstandssprecher der Diakonie RWL (Münster), die aktuellen Herausforderungen, vor denen insbesondere der Diakonie-Bundesverband momentan steht. Ähnlich wie man von der Diakonisse als Leitfigur kirchlichen Hilfehandelns hat Abschied nehmen müssen, muss sich die Diakonie strukturell von historisch gewachsenen Verkrustungen verabschieden, um im Spagat von anwaltschaftlicher und unternehmerischer Orientierung handlungsfähig zu sein. In seinem Grußwort bei der Festveranstaltung zu 175 Jahren Kaiserswerther Diakonie erinnerte Pfarrer Dr. Uwe Becker, Vorstand der Diakonie RWL (Düsseldorf), an drei bedeutende Frauen in Führungspositionen schon in den Anfangsjahren Mitte des 19. Jahrhunderts. Diese historisch bedeutende Rolle von Gertrud Reichert, Friederike Fliedner und Sophie Wiering in der Krankenpflege, als Vorsteherin und bei der Finanzierung (!) sei auch eine „Anfrage an die Gegenwart“.

 

Buchtipp:

Norbert Friedrich: Der Kaiserswerther. Wie Theodor Fliedner Frauen einen Beruf gab, Wichern Verlag, Berlin 2010, 9,95 Euro.

Grußwort von Dr. Uwe Becker, Vorstand der Diakonie RWL
Grußwort 175 Jahre Kaiserswerther Diakonie

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