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Archiv 2011

17. Mai 2011

Dr. Michael Schulz neuer Professor an der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld

Dr. Michael Schulz ist zum neuen Professor für den Studiengang "Psychische Gesundheit / Psychiatrische Pflege" an der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld ernannt worden. Der Studiengang wird vom Verband evangelischer Krankenhäuser mitfinanziert. Professor Michael Schulz erläutert, warum der neue Studiengang notwenig ist.

Warum hat man den neuen Studiengang "Psychische Gesundheit / Psychiatrische Pflege" ins Leben gerufen?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum Einen ist das Wissen im Arbeitsfeld der Psychiatrischen Handlungsfelder in den letzten Jahren deutlich komplexer geworden. Die Verantwortung der Pflegenden, Ergotherapeuten oder Heilerziehungspfleger ist zum Beispiel im Hinblick auf Fallverantwortung und langfristiges Krankheitsmanagement deutlich gestiegen. Zudem fordert der Gesetzgeber, dass Interventionen im Gesundheitswesen auf den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen müssen. Bestimmte Mitarbeiter im Team sollten also in der Lage sein, den wissenschaftlichen Kenntnisstand fachgerecht zu recherchieren und Qualität von Studien auch zu bewerten. Hier steigt der Begründungsdruck im Alltag. Der Studiengang wurde aber auch ins Leben gerufen, damit neben den vorhandenen Pflegemanagement- beziehungsweise Pflegepädagogikangeboten endlich auch ein Studienangebot existiert, welches auf der direkten Versorgungs- und Interventionsebene ansetzt.

Ein weiterer wichtiger Grund ist aber die notwendige Akademisierung vor dem Hintergrund von Bildungsgerechtigkeit. Im Gegensatz zu anderen Weiterbildungen in diesem Bereich, die für Absolventen in der Regel keinen Einstieg in das Bachelor Master System erlauben, haben wir hier ein Bildungsangebot, das nach dem Abschluss auch die Tür zum Master und dann der Promotion eröffnet. Damit wären wir mit vielen Jahren Verspätung in diesem Segment endlich in Europa angekommen.

 

 

Welche Inhalte sollen an die Studierenden vermittelt werden?

Zunächst ist es wichtig, dass die Informationskompetenz verbessert wird: Wie recherchiere ich in wissenschaftlichen Datenbanken, wie schreibe ich einen wissenschaftlichen Text und wie präsentiere ich Inhalte auf professionellem Niveau? Auf der Grundlage dieser Kompetenz zum wissenschaftlichen Arbeiten werden dann wesentliche Bereiche des Psychiatrischen Handlungsfeldes bearbeitet. Dazu gehören das Arbeiten in unterschiedlichen Versorgungssettings, die Vertiefung im Hinblick auf psychosoziale und psychotherapeutische Inhalte und ethische beziehungsweise rechtliche Grundlagen.

 

Vorgesehen ist, die Studierenden zu Fallmanagern auszubilden. Was machen diese Fallmanager?

Fallmanger ist eine mögliche Aufgabe. Hier geht es um die Verantwortungsübernahme für Patienten, die beispielsweise trotz schwerer Krankheit im häuslichen Bereich versorgt werden. Aber auch in den Kliniken bedarf es einer zunehmenden Differenzierung der Qualifikationsprofile im Bereich von Pflege. Nicht mehr jeder ist also für alle Tätigkeiten verantwortlich beziehungsweise qualifiziert.

Auch im Hinblick auf die Durchführung von anspruchsvollen psychosozialen Interventionen, wie Gruppentherapieangeboten, Entlassmanagement oder Einzelgesprächen ist durch diesen akademischen Abschluss eine deutliche Qualitätssteigerung zu erwarten. Das ist angesichts einer angespannten Situation im ärztlichen und psychologischen Bereich wünschenswert. Dabei geht es nicht nur um Kompensation sondern Pflege stößt hier in ein Feld vor, wo die Kolleginnen und Kollegen in Holland, England oder Norwegen schon lange sind.

 

Inwiefern kann der Studiengang die Pflege vor Ort langfristig verbessern?

Die Mitarbeitenden vor Ort verfügen in vielen Fällen über einen großen Schatz an Erfahrungswissen. Das Studium befähigt sie, besser zu verstehen, warum wie gehandelt werden sollte. Zudem erwerben die Studenten in Zeiten von Internet und Informationsflut überlebenswichtige Techniken, um auf Dauer für ihr Handlungsfeld aktuelle Erkenntnisse der internationalen Fachwelt zu finden und zur Anwendung zu bringen. Die erworbenen Kenntnisse zu Versorgungsformen, beispielsweise im "gemeindenahen Raum" bieten große Chancen für kreatives und bedarfsgerechtes Anpassen der jeweiligen Settings. Dadurch erhalten jene Bereiche eine Stimme, in denen viel Know-how und Expertenwissen der Institutionen schlummert.


Wie viele Studenten beginnen in diesem Sommersemester?

In diesem Sommersemester haben 35 Studenten einen Studienplatz erhalten. Leider konnten wir nicht allen Bewerberinnen und Bewerbern einen Platz anbieten. Aber eine Vergrößerung der Studiengruppe geht natürlich auf Kosten der Ausbildungsqualität. Den Preis wollten wir natürlich nicht bezahlen.

Unter den Studienanfängern finden sich sowohl Pflegende aus stationären und ambulanten psychiatrischen Einrichtungen als auch Altenpfleger und Heilerziehungspfleger. Das Konzept des Studiengangs setzt bewusst auf das gemeinsame Studieren unterschiedlicher Berufe. So können alle voneinander viel lernen.

Insgesamt ist die Bewerberlage also gut. Bis zum 30. November kann man sich jetzt noch für den nächsten Jahrgang bewerben. Der startet im März 2012.

 

Sie sind selbst ausgebildeter Krankenpfleger, was hat Sie bewogen, die akademische Laufbahn einzuschlagen?

Die Frage ist natürlich nicht ganz einfach zu beantworten. Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard sagte einmal: «Verstehen kann man das Leben nur rückwärts. Leben muss man es vorwärts».

Nach der Krankenpflegeausbildung habe ich unglücklich ein Jahr Medizin studiert. Dann begannen die ersten Pflegestudiengänge und das erschien mir für mich eine sinnvolle Alternative zu sein. Im Rahmen des Pflegestudiums traf ich dann auf Prof. Dr. Johann Behrens (heute Martin-Luther-Universität Halle Wittenberg). Er ermutigte mich zur Promotion. Eher durch Zufall bin ich dann in die Psychiatrie zurückgekehrt. Aber zu dem Zeitpunkt waren bestimmte Pfade der Psychiatrischen Pflege in Deutschland schon vorgezeichnet. Mir war zum Beispiel klar, dass mittelfristig der Aufgaben- und Verantwortungsbereich durch eine verbesserte Qualifikation ausgeweitet werden muss. Deutlich war aber auch, dass Psychiatrische Versorgung verstärkt einer wissenschaftlichen Fundierung bedarf. Besonders beeindruckt hat mich immer wieder, dass es in der Welt sehr viel Forschung zur Psychiatrischen Pflege gibt, dass diese Diskurse und Ergebnisse in Deutschland aber aufgrund von fehlender Qualifikation und der Sprachbarriere weitestgehend unbekannt sind.

 

Was gehört für Sie zu einer "guten Pflege"?

Gute Pflege stellt das Arbeitsbündnis mit dem Patienten in den Vordergrund und bleibt neugierig auf die Einzigartigkeit jedes einzelnen zu umsorgenden Menschen.

Sie richtet ihr Handeln so aus, dass der Patient die aus seiner Sicht beste Lebensqualität erreichen kann. Gute Pflege trifft wann immer möglich Entscheidungen über Pflegehandlungen gemeinsam mit dem Patienten auf der Grundlage eigener Expertise, dem Wunsch des Patienten und auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse. Gute Pflege stellt sich der Diskussion und nutzt die Kraft des guten Argumentes.

 

Was haben Sie sich für das erste Semester konkret vorgenommen?

Im ersten Semsester werden zwei Module durchgeführt: "Wissenschaftliches Arbeiten" und "Assessment und klinische Entscheidungsfindung".

 Im Modul "Wissenschaftliches Arbeiten" erwerben die Studenten Kenntnisse zum EDV-gestützten Arbeiten sowie zu der wichtigen Frage, wie und wo wissenschaftliche Literatur zu finden ist. Außerdem wird im Rahmen einer Gruppenarbeit eine erste kleine wissenschaftliche Arbeit zum Thema "Gesundheitsförderung im psychiatrischen Bereich" geschrieben.  Im Modul "Assessment und klinische Entscheidungsfindung" geht es um handlungsleitende Konzepte im Rahmen der Pflege und Behandlung. Dabei steht vor allem die Frage nach einer Informationssammlung als Grundlage für professionelle Entscheidungsfindung auf dem Lehrplan.

 

Prof. Dr. Michael Schulz ist 42 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Söhne. Er lebt in Bethel unweit der Fachhochschule.

 

 

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