25. August 2011
Stadtteilmütter in NRW beginnen mit ihrer Arbeit vor Ort
Auftakt der Praxisphase mit Minister Guntram Schneider

Guntram Schneider, Minister für Arbeit, Integration und Soziales des Landes NRW
Video-Ausschnitte aus der Rede des Ministers weiter unten
Nach einer halbjährigen Qualifizierungsphase starten 55 Frauen in den Ruhrgebietsstädten Bochum, Dortmund und Essen in die Praxisphase des Modellprojektes „Stadtteilmütter in Nordrhein-Westfalen – Aktiv für Arbeit und Integration“. Sie werden ein Jahr lang vor allem in sozial benachteiligten Stadtteilen arbeiten, dort Familien besuchen und als kompetente Ansprechpartnerinnen innerhalb der eigenen Community zur Verfügung stehen. Zum Praxisstart überreichte NRW-Sozialminister Guntram Schneider den Stadtteilmüttern ihre Arbeitsmaterialien. Träger des Modellprojekts sind die Diakonie RWL und diakonische Einrichtungen in Essen, Bochum und Dortmund in Kooperation mit den Jobcentern. Die Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit und das Minsterium für Arbeit, Integration und Soziales tragen den Hauptteil der Finanzierung.
55 Frauen aus 20 Nationen beraten und informieren in der eigenen Community

Zwei Stadtteilmütter mit Projektkoordinatorin Chrissa Stamatopoulou (Diakonie RWL)
Sechs Monate lang haben sich die Frauen aus insgesamt 20 Nationen – von der Türkei, den Tschad oder Polen bis nach Kasachstan, Nigeria oder dem Irak – auf ihre Tätigkeit vorbereitet. Sie wurden im Aufbau von Schlüsselqualifikationen und den Themen Ausbildung und Arbeit, Gesundheit sowie Erziehung und Familie geschult. Sie haben das örtliche Jugend- und Gesundheitsamt, Migrationsfachdienste und Beratungsstellen vor Ort besucht. Beim Besuch in den Berufsinformationszentren der Arbeitsagenturen haben sie sich außerdem intensiv über das deutsche Übergangssystem Schule-Ausbildung-Beruf, Fördermöglichkeiten und den Berufswahlprozess junger Menschen informiert.
Einjährige Praxisphase im Stadtteil
Mit diesem breit gefächerten Wissen werden die Stadtteilmütter mehrere Familien pro Monat aufsuchen. Einen besonderen Schwerpunkt der Treffen werden die Themen Arbeit und Ausbildung ausmachen. Aber auch Familie, Erziehung oder Gesundheit sind Themen der Stadtteilmütter.
Projekt qualifiziert für den ersten Arbeitsmarkt
Darüber hinaus werden die Stadtteilmütter, die bisher langzeitarbeitslos und auf Leistungen nach dem SGB II angewiesen waren, während des Projektzeitraumes selbst weiterqualifiziert, erklärt Christiane Schönefeld, Vorsitzende der Geschäftsführung der Bundesagentur für Arbeit in NRW: „Viele der Frauen sind gut ausgebildet, haben aber eine lange Familienphase hinter sich. Andere haben bisher kaum Berufserfahrung. Mit ihrer Arbeit als „Stadtteilmutter“ qualifizieren sich die Frauen für eine Tätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt, zum Beispiel im sozialpflegerischen Bereich. Das Projekt ist so für beide Seiten ein großer Gewinn – und es unterstützt die Sicherung des künftigen Fachkräftebedarfs in NRW.“
Für Guntram Schneider, Landesminister für Arbeit und Integration, ist das Stadtteilmütter-Projekt eine gelungene Verbindung aus Arbeitsmarkt- und Integrationspolitik. „Familien werden in drängenden Alltagsfragen kompetent und lebensnah beraten; das Erwerbspotential von Frauen mit Zuwanderungsgeschichte wird ausgebaut und junge Migranten werden stärker an das Bildungs- und Ausbildungssystem herangeführt. Kurz: Die Stadtteilmütter werden zu wichtigen Informationslotsen und Brückenbauerinnen in die Gesellschaft“, so der Minister.
Guntram Schneider, Minister für Arbeit, Integration und Soziales des Landes NRW, äußert sich zum Projekt "Stadtteilmütter in NRW - aktiv für Arbeit und Integration"
Taschen und rote Schals als Erkennungsmerkmal
Unterstützt werden die Stadtteilmütter bei ihrer Arbeit von örtlichen Trägern der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe, die das Gesamtprojekt koordiniert, sowie den Jobcentern vor Ort. „Hinzu kommen viele weitere Projektpartner, mit denen die Diakonie vernetzt ist“ so Chrissa Stamatopoulou, Koordinatorin des Projekts bei der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. Einen Erfolgsfaktor des Projekts erläutert sie so: „Die Stadtteilmütter haben einen ähnlichen Hintergrund wie die besuchten Familien. Im persönlichen Kontakt entsteht Vertrauen, so dass Fragen leichter gestellt und besprochen werden können. In ihrer Vorbildfunktion ermutigen die Stadtteilmütter andere Familien, selbstbewusst ihren Weg in Deutschland zu gehen und die nachhaltige Integration der eigenen Kinder aktiv mitzugestalten.“ Die Stadtteilmütter sind während der einjährigen Praxisphase sozialversicherungspflichtig beschäftigt und arbeiten 30 Stunden pro Woche. Als Erkennungszeichen tragen die Frauen rote Taschen und Schals.
Finanzierung
Für das insgesamt 18 Monate dauernde Projekt stehen insgesamt 1,522 Millionen Euro zur Verfügung. Davon trägt die Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit rund 1,1 Millionen Euro, das Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales des Landes NRW stellt 360.000 Euro aus EU-Mitteln zur Verfügung und die Diakonie beteiligt sich mit rund 62.000 Euro.
Zahlen, Daten und Fakten
Daten und Fakten –Projekt „Stadtteilmütter in NRW – Aktiv für Arbeit und Integration“
Die Stadtteilmütter sind in den beteiligten Modellstädten in folgenden Stadtteilen im Einsatz:
- Bochum: Kruppwerk, Querenburg
- Dortmund: Hörde, Nord, Scharnhorst
- Essen: Altendorf, Borbeck, Stoppenberg, Katernberg
Ihre Aufgaben untergliedern sich in drei Kernbereiche:
Kontakte im Stadtteil pflegen
Die Stadtteilmütter nutzen die vorhandenen Netzwerke in den Stadtteilen als Kooperationspartner. Dazu gehören Schulen, Familienzentren, Migrationsfachdienste, Migrantenorganisationen, Jugendfreizeitstätten, Stadtteilbüros, verschiedene Projekte und weitere geeignete Treffpunkte. Sie sprechen dort aktiv die Mütter oder Väter an, stellen sich und ihre Arbeit vor und bieten den Familien an, sich im Rahmen von Besuchen ausführlich informieren zu lassen. Zudem werden die Stadtteilmütter durch Stadtteilbegehungen und der Teilnahme an Veranstaltungen und Festen im Stadtteil (Stadtgebiet) präsent sein.
Persönliche Treffen und Besuche
Die Stadtteilmütter besuchen zwei bis drei Familien im Monat, mit denen sie sich jeweils zu sechs Treffen verabreden. Sie geben hier die aus der Qualifizierung erlernten Inhalte zu den Themen Bildung/Ausbildung und Arbeit, Erziehung und Gesundheit weiter, wobei sie einen besonderen Schwerpunkt auf den Bereich Ausbildung und Arbeit legen. So werden die Stadtteilmütter beispielsweise das Bildungspaket vorstellen und die Familien auf Fördermöglichkeiten hinweisen. Ein besonderer Vorteil: Die Stadtteilmütter können auf individuelle Fragen eingehen. Sie kennen sich im Stadtteil und Stadtgebiet aus, sie kennen die sozialen Dienste und die Ansprechpartner/innen, können Kontakte aufbauen und die Familien an die richtige Stelle vermitteln.
Laufende Begleitung der Stadtteilmütter im Team
In den Modellkommunen bilden die Stadtteilmütter jeweils ein Team, das von einer Fachanleiterin begleitet wird und sich regelmäßig zum Erfahrungsaustausch im Teambüro trifft. Hier werden die Arbeitseinsätze abgestimmt sowie organisiert und die Stadtteilmütter motiviert, selbständig zu arbeiten und informiert zu bleiben.
Zahlen und Fakten – Menschen mit Migrationshintergrund in NRW
In NRW leben rund 4,3 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Gut 44 Prozent der Menschen mit Zuwanderungsgeschichte hat keine abgeschlossene Berufsausbildung. Gut 44 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund haben außerdem keine abgeschlossene Berufsausbildung, im Vergleich zu Menschen ohne Migrationshintergrund sind sie mehr als doppelt so häufig von Arbeitslosigkeit betroffen.
Die Arbeitslosenquote von Menschen mit ausländischem Pass lag in NRW im Juli 2011 bei 18,8 Prozent – im Vergleich dazu lag die Gesamtarbeitslosenquote in NRW bei 8,1 Prozent, die Quote bei Deutschen bei 7 Prozent. Während die Arbeitslosenquote bei den Frauen deutscher Herkunft bei 7 Prozent liegt, ist sie bei ausländischen Frauen mit knapp 22 Prozent deutlich höher. (Quelle: Daten der BA)
Deutlich mehr Ausländer sind auf Leistungen nach dem SGB II angewiesen als Deutsche: Die SGB II-Hilfequote lag im April 2011 insgesamt bei 11,5 Prozent. Während sie bei deutschen Hilfeempfängern bei knapp 10 Prozent lag, lag sie mit 23,5 Prozent bei den Ausländern mehr als doppelt so hoch. Der Anteil an hilfebedürftigen Ausländern im Rechtskreis des SGB II liegt damit außerdem deutlich höher als ihr Anteil an der Wohnbevölkerung von knapp 12 Prozent. (Quelle: Daten der BA)
Menschen mit Zuwanderungsgeschichte sind darüber hinaus seltener erwerbstätig als Personen ohne Zuwanderungsgeschichte. Bei den Frauen ist der Unterschied besonders deutlich: Bei Frauen mit Zuwanderungsgeschichte beträgt die Erwerbsquote nur 49 Prozent, bei Frauen ohne Zuwanderungsgeschichte dagegen 65 Prozent (jeweils bezogen auf die Altersgruppe zwischen 15 und 64 Jahren; Quelle: „Arbeitsmarktreport NRW 2010“).