20. September 2011
Die Wucht der späten Erinnerungen
Der Therapeut Wolfgang Neumann über Kriegserfahrungen und ihre Bedeutung für die Altenheimseelsorge

Psychotherapeut Dr. Wolfgang Neumann, Bielefeld
Ein bedeutendes, aber schwer zu fassendes Thema hatte sich die Fachtagung im Rahmen des 22. Altenheimseelsorge-Konvents der Evangelischen Kirche von Westfalen am 19. September in Münster vorgenommen: Der Bielefelder Psychotherapeut Dr. Wolfgang Neumann informierte über Kriegstraumata und ihre langfristigen Auswirkungen auf die Generation der heute alten und sehr alten Menschen. Die öffentliche Auseinandersetzung mit diesem Thema war lange Zeit tabuisiert; erst jetzt scheint es möglich, sich differenziert und deutlich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Eine durch Krieg und Nationalsozialismus geprägte Generation erreicht (sofern noch am Leben) jetzt die medizinische und pflegerische Lebensphase und selbst die Kriegskinder, die in den 1940er Jahren geboren wurden, kommen in den Ruhestand. Im Beruf wird man dann nicht mehr gebraucht, persönliche und soziale Kontakte reißen ab, die Tagesstruktur ändert sich, die eigene Endlichkeit rückt stärker ins Bewusstsein. Dann kommt es oft zu einem Ende familiärer Schweigegebote.
Seelische und körperliche Erkrankungen
Bei etwa 12 Prozent der über 60jährigen Deutschen fanden Wissenschaftler Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung. Schreckliche Erlebnisse in jungen Jahren wie Bombenangriffe, Vergewaltigungen, Vertreibungen, Verlust von Angehörigen, Inhaftierung oder andere Kriegshandlungen haben langfristige negative Folgen. Die Betroffenen haben dabei auch ein erhöhtes Risiko, körperlich zu erkranken. Die Hälfte aller heute Älteren erzählt von mindestens einem traumatischen Erlebnis aus der Kriegszeit. Anhand konkreter Fallgeschichten aus seiner Praxis berichtete Wolfgang Neumann über alte Menschen, die enttäuscht, aber nicht getröstet wurden, die Kränkungen über Jahrzehnte mit ins hohe Alter nehmen, die durch Verlusterfahrungen im Alter retraumatisiert wurden, die, je älter sie werden desto mehr unter Angststörungen oder Panikattacken leiden. "Ich merke immer mehr, wie sehr ich im Krieg Ängste mitbekommen habe", äußerte zum Beispiel ein Klient, "der Krieg ist in mir", sagt eine Klientin. Mit pauschalen Ratschlägen oder Patentrezepten hielt sich der Referent zurück. "Wichtig ist, Mitgefühl zu zeigen", so seine Leitlinie. Mit Menschen, die unter Kriegserlebnissen nachhaltig leiden solle man behutsam umgehen, "so, wie wir es für uns selber wünschen, wenn es auf unser Lebensende zugeht."
Umgang mit Leid und Schuld
Seelsorge ist nicht Therapie, das wurde in der anschließenden, sehr intensiven Aussprache deutlich. Die seelsorgliche Besuchssituation ist kein therapeutisches Gespräch. Hier gibt es unterschiedliche Blickwinkel. Aber die Seelsorgerinnen und Seelsorger in der Altenhilfe sind in hohem Maße mit Menschen konfrontiert, die vom Krieg erzählen, unter Kriegsfolgen leiden und oft erst zum Lebensende hin davon erzählen können. Wie kann man Andeutungen richtig verstehen, was sind Zeichen dafür und wie sind sie zu deuten – das waren Fragen aus der Teilnehmerschaft an den Experten. Offensichtlich sind Männer anders und stärker betroffen als Frauen, Männer sind eher Täter, Frauen meist eher Opfer. In der Diskussion schätzte der Psychoanalytiker Schuld anders ein als die meisten Seelsorgerinnen und Seelsorger. "Schuld ist nur eine Ablenkung, Schuld ist ein Nebenschauplatz; Sie müssen sich mit Trauer beschäftigen, wenn es um Schuld geht", so lautete sein Argument. Dem mochten viele Diskussionsteilnehmer so nicht folgen. Mehrere Seelsorgerinnen betonten, dass es sinnvoll und heilsam sein kann, persönliche Schuld einzugestehen und mit hilfreichen Ritualen aufzuarbeiten. Womöglich könne die Kategorie der Verstrickung helfen, diese unterschiedlichen Ansätze stärker zusammenzubringen, so Neumann. Allerdings sei auch immer ganz praktisch zu bedenken, dass am Bett hochaltriger, dementer Menschen viele Gespräche nicht mehr möglich sind. Wenn doch, dann sei es wichtig, so Wolfgang Neumann, die alten Menschen zu ermutigen, die eigene Geschichte weiterzuerzählen. Dabei muss nicht immer nur gesprochen werden: Auch andere Therapieformen wie Musiktherapie oder Bewegungstherapie könnten hilfreich sein.
Kein Spezialthema der Altenheimseelsorge
Das Thema Spätfolgen des Krieges ist kein Spezialthema der Altenheimseelsorge. Pfarrer Dietrich Buettner, Referent für Hospiz und Seelsorge in der Diakonie RWL: "Es kann kein Zufall sein, dass nahezu zeitgleich die Krankenhausseelsorge sich diesen Fragen widmet. Mit seiner Jahrestagung 2011 hat der Altenheimseelsorge-Konvent in der EKvW einen wichtigen fachlichen und menschlichen Akzent gesetzt, denn von den langfristigen, über Generationen reichenden Wirkungen der Folgen von Nationalsozialismus und Krieg sind alte Menschen und ihre Angehörigen direkt, aber auch die Nachgeborenen indirekt noch auf lange Zeit betroffen."
Interessierte wenden sich bitte an Dietrich Buettner, Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe e.V., Tel. 0251 2709-355. E-Mail d.buettner@diakonie-rwl.de.
Eine schriftliche Fassung des Vortrags von Dr. Wolfgang Neumann wird Ende September an dieser Stelle zu finden sein.
Materialien
- Vortrag von Dr. Wolfgang Neumann
- Die Wucht der späten Erinnerung im Alter: Kriegserfahrungen und Ihre Bedeutung für die Altenheimseelsorge
Weitere Informationen
- Bericht zu den anderen Themen des Altenheimseelsorge-Konvents
- Altenheimseelsorge wohin? Kontroverse Diskussionen beim Westfälischen Altenheimseelsorge-Konvent in Münster
- Ev. Altenheimseelsorge Westfalen
- www.altenheimseelsorge-westfalen.de
- Literaturseite von Dr. Wolfgang Neumann
- www.wolfgangneumann.net