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29. September 2011

Ich hab noch einen Koffer in Berlin

Diakonie RWL verabschiedet Maria Loheide

Maria Loheide bei Verabschiedung

Maria Loheide bei der Verabschiedung von der Diakonie RWL am 29. September in Münster

Im Rahmen einer kleinen Feierstunde in Münster haben Vorstand und Verwaltungsrat der Diakonie RWL die Leiterin des Geschäftsbereiches Familie, Bildung und Erziehung verabschiedet. Maria Loheide wechselt zum 1. Oktober nach Berlin. Sie wird neuer Sozialpolitischer Vorstand des Bundesverbandes. In den Grußworten, unter anderem von Staatssekretär Prof. Klaus Schäfer aus dem Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport, wurden die hohe Fachkompetenz sowie das unermüdliche Engagement für die Arbeit der Diakonie und die gute Vernetzung von Maria Loheide wertschätzend zum Ausdruck gebracht. Dabei, so eine langjährige Wegbegleiterin, sei sie immer im guten Sinne "Für-Sorgerin" geblieben. Dies gelte besonders auch für die 70 Mitarbeitenden ihres Geschäftsbereiches. "Sie hatten stets ein offenes Ohr. Sie waren eine von uns!", so verabschiedete sich eine Mitarbeiterin aus dem Bereich Verwaltung. 22 Jahre hat Maria Loheide zunächst im Diakonischen Werk Westfalen, zuletzt in der Diakonie RWL in unterschiedlichen Funktionen gearbeitet.

 


 

Maria Loheide

Das "Interview zum Abschied von der Diakonie RWL" hat Reinhard van Spankeren geführt.

Interview mit Maria Loheide

Welche Stationen hast du in der Diakonie durchlaufen?

Wenn man es genau nimmt, blicke ich auf 23 ½ Jahre Diakonie zurück. Ich habe viele Stationen durchlaufen, die jeweils eigene Herausforderungen und berufliche wie persönliche Entwicklungen mit sich brachten: Als Berufsanfängerin direkt nach dem Studium auf der Suche nach einer Festanstellung war ich für ein ABM-Jahr erstmalig hier in der Diakonie. Die Adoptions- und Pflegekindervermittlung und der Aufbau der Frauenhausarbeit standen dabei in diesem Jahr für mich an. Danach war ich einige Jahre in unterschiedlichen Bereichen tätig, unter anderem in der Erziehungsberatung, der Adoptions- und Pflegekindervermittlung und als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem Frauenhausprojekt.

Zum 1. April 1989 wurde ich als Referentin für Familienbildung, Frauen und Familie fest angestellt (von der Diakonie Westfalen.) Der Aufbau des Ev. Familienbildungswerkes, die Begleitung der Umsetzung des neuen Kinder- und Jugendhilfegesetzes und die Etablierung der Frauenhäuser standen dabei im Mittelpunkt meiner Tätigkeit. Im Rahmen eines Strukturprozesses bewarb ich mich 1994 auf die Leitung der Abteilung Familie, Jugend, Frauen. Als erste Frau (und Mutter) in Leitung in der Diakonie galt es, erfolgreich zu arbeiten. Mit 20 Mitarbeitenden ein Profil für die Abteilung zu entwickeln und die Zusammenarbeit zu fördern, waren mir besonders wichtig. Die Erwartungen der Mitglieder an unseren Verband und die Interessen der Kinder, Jugendlichen, Familien und Frauen mussten berücksichtigt werden.

Weitere Strukturprozesse in der Diakonie Westfalen führten im Jahr 2000 dazu, dass ich Geschäftsführerin des Geschäftsbereichs Familie, Bildung und Arbeit wurde. Die Anzahl der Mitarbeitenden erhöhte sich auf über 40, multiprofessionell und multifachlich zusammengesetzt, ergänzt durch für mich neue Schwerpunkte wie Arbeitsmarkt, Migration und Flucht.

Bereits 2005 arbeiteten wir in Projektgruppen an einer Perspektive der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe, die sich im Juli 2008 realisierte. Als erste Geschäftsbereichsleitung für den Bereich Familie, Bildung, Erziehung war ich nun für 70 Mitarbeitende an drei Standorten zuständig. Die Herausforderung, Kulturschranken zwischen Rheinland und Westfalen, eine Distanz von knapp 200 Kilometern zwischen den Standorten zu überwinden und allen Mitarbeitenden eine Zugehörigkeit zu vermitteln, habe ich gerne angenommen. Zweitägige Geschäftsbereichsklausuren im Südrhein, in Ostwestfalen und in Düsseldorf ebenso wie eine gemeinsame Ziel- und Aufgabenplanung haben diesen Prozess enorm gefördert. Ich hoffe, dass es gelungen ist, die drei Landeskirchen ebenso von der hohen Fachlichkeit des Geschäftsbereichs zu überzeugen, wie auch den Mitgliedern zu vermitteln, dass Kompetenz und Dienstleistungsorientierung keine Frage von Landesteilen ist.

 

Personen am Rednerpult

Maria Loheide, Pastor Günther Barenhoff, Vorstand der Diakonie RWL, Pfarrer Jürgen Dittrich, Vorsitzender des Verwaltungsrates der Diakonie RWL und Prof. Klaus Schäfer, Staatssekretär im Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur in NRW.

Was waren herausragende Themen und Projekte, an die du dich erinnerst, bei denen du dich eingemischt hast, die dir wichtig waren?

Ich erinnere mich an einen sehr intensiven Arbeitsprozess der Abteilung, um ein Beratungskonzept zu erarbeiten. Leitend war für uns die Frage, welche Begleitung und Beratung brauchen unsere Mitglieder, wo müssen wir als Landesverband den Mitgliedern Orientierung geben und wie kann das Spannungsfeld zwischen Anwaltschaftlichkeit und Werteorientierung auf der einen Seite und Marktinteresse und Unternehmenserfolg der Träger auf der anderen Seite angemessen berücksichtigt werden. Dazu haben wir viele intensive Gespräche geführt und den Austausch mit den Mitgliedern gesucht und gefunden.

Die wesentlichen Themen, die mich begleitet haben, wurden in großen Fachtagungen mit vielen hundert Teilnehmenden öffentlichkeitswirksam und fachpolitisch durchgeführt. Es waren Themen wie Lebensweltorientierung der Kinder- und Jugendhilfe, Jugendarbeitslosigkeit, Kinderschutz und frühe Hilfen, Bildungsnetzwerke und die Kooperation von Jugendhilfe und Schule im Ganztag oder auch Armut von Kindern und Familien.

Neben den fachlichen Themen waren mir die Organisations- und Profilentwicklung gemeinsam mit den Menschen, für die ich zuständig war, die ich geleitet habe, wichtig. Dazu gehörten die gemeinsame Entwicklung von Zielplanungsverfahren ebenso wie gemeinsame Positionierungen und die intensive Erarbeitung von Grundlagen für Themen wie Armut, Bildung und Spiritualität.

 

Auf welche sozialpolitischen Erfolge kannst du zurückblicken, was ist gelungen, wo haben sich die Lebensverhältnisse von Menschen in Armut und Benachteiligung verbessert in den letzten 25 Jahren?

Ich bin der Überzeugung, dass umfangreiche sozialpolitische Erfolge nur zu erzielen sind, wenn man gemeinschaftlich mit den Kolleginnen und Kollegen, aber auch in Kooperation und Koproduktion mit vielen Partnerinnen und Partnern, zum Beispiel mit den Kirchen, der Freien Wohlfahrtspflege, mit den Kommunalen Spitzenverbänden und den Landschaftsverbänden, aber auch mit Wissenschaft und Politik, intensiv zusammenwirkt. Die Bündnisse können dabei je nach Themen und Herausforderung sehr unterschiedlich sein.

Im Rahmen der Gremien des Ministeriums für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport wurde ich von dem Abteilungsleiter unter anderem mit den Worten verabschiedet „dass das Kinderbildungsgesetz schlechter ausgefallen wäre, wenn ich nicht bei den Verhandlungen dabei gewesen wäre“. Ob man hier bereits von einem sozialpolitischen Erfolg sprechen kann, ist die Frage. Sicherlich kann ich sagen, dass ich einen Beitrag dazu geleistet habe, dass Kinder in Ganztagsschulen durch die Jugendhilfe gut begleitet, gefördert und betreut werden, dass Familienzentren sich fachlich gut entwickeln konnten, dass bei den Verhandlungen um die Rahmenbedingungen für die Kindertageseinrichtungen die frühe Bildung und Förderung im Blick waren, aber ebenso die mir sehr wichtige Frage, wie Familie und Beruf sinnvoll zu vereinbaren sind und welche Angebote an Betreuung wirklich notwendig sind. Nicht zuletzt lag mir die Frauenförderung sowohl innerhalb der Diakonie als auch durch Angebote der Mitglieder sehr am Herzen und dabei war mir auch wichtig, dass Frauen in Not Schutz und Unterkunft in der Diakonie finden.

Ich glaube, dass die Lebensverhältnisse für Menschen in Armut sich in den 25 Jahren nicht grundsätzlich verändert haben, Armut als Lebenserfahrung und Sozialisationsfaktor ist grundsätzlich, unabhängig von den Unterstützungs- und Hilfsangeboten, eine Erfahrung von Benachteiligung und Diskriminierung, die uns sehr beschäftigt hat. Viel wichtiger ist meiner Meinung nach, sich dafür einzusetzen, dass Menschen nicht in Armut geraten oder aus der Armutssituation herauskommen können. Dafür müssen wir uns mit unseren Angeboten einsetzen und auch nachhaltig existenzsichernde Einkommen fordern. Das armutssensible Handeln in unseren Einrichtungen und Diensten ist notwendig und mit Sicherheit deutlicher noch zu reflektieren. Aber darauf dürfen wir uns auf keinen Fall beschränken.

 

Was ist liegengeblieben, nicht gelungen, immer noch aktuell und muss angepackt werden?

Probleme, Themen und Herausforderungen habe ich immer genug gesehen und stellen sich auch jetzt und in Zukunft weiterhin. Für ganz wichtig halte ich den langen Atem, die Geduld, die konsequente Verfolgung von Zielen, um wirklich Veränderungen zu erreichen. Was für mich liegengeblieben ist oder was nicht ausreichend gelungen und ich nicht weiter verfolgen konnte wie ich wollte, ist die konsequente Öffnung der Regeldienste für Menschen mit Migrationshintergrund, damit verbunden die Frage, wie wir intensiv zu einer kulturellen Vielfalt in Toleranz beitragen können. Das bezieht sich auch auf uns als Arbeitgeberin. Nicht zuletzt wäre eine deutlichere politische Schwerpunktsetzung auf die Sicherung des Existenzminimums insbesondere von Lebensgemeinschaften mit Kindern wichtig. Das heißt, das Thema Armut bleibt aktuell und zwar Kinderarmut ebenso wie Altersarmut. Wie es gelingen kann, hier konsequent bei allen politischen Vorhaben darauf zu achten, ob sie die Lebenssituation von Menschen verschlechtern oder dazu beitragen, Menschen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen, ob sie armutssensibel und nicht stigmatisierend und ausgrenzend sind, das bleibt eine große Herausforderung.

 

Gibt es ein Motto, eine Leitidee, ein Grundmotiv, das dich trägt, an dem du dich orientierst?

Ich glaube, für mich ist weniger ein Leitmotiv oder ein Motto Grundlage meines Handelns, sondern eher eine Haltung: allen Menschen mit Wertschätzung und Offenheit zu begegnen. Dazu gehören Respekt und Toleranz und ein großes Interesse, mit anderen gemeinsam Ziele zu verfolgen. Sehr schnell wird spürbar, wie authentisch man auftritt und Menschen begegnet. Ich habe dazu durch die Begegnungen mit ehemaligen Heimkindern gelernt, die in diakonischen Einrichtungen von Gewalt und Missbrauch betroffen waren. Diese Betroffenen spiegeln unmittelbar im Kontakt, „wie man rüberkommt“ und ob sie sich ernst und angenommen fühlen.

 

Winkende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der Verabschiedung

Abschied

Gibt es ein schönstes Erlebnis aus deiner Arbeit in der Diakonie? Und ein lustigstes?

Über diese Frage habe ich gerade länger nachgedacht und komme zu dem Ergebnis, dass es kein besonders herausragendes schönes oder lustiges Erlebnis gibt. Es gab in den vielen Jahren eher viele, viele schöne Situationen und Erlebnisse (auch unangenehme) und die schönste Erfahrung war, dass wir miteinander viel Spaß hatten und gerne gearbeitet haben.

 

Der Geschäftsbereich FABE hat einen guten Ruf, was die Zusammenarbeit an den verschiedenen Standorten angeht – wie ist dir das geglückt?

Als ich 2001 am Verbandsmanagementinstitut der Friebourger Universität eine Ausbildung im Bereich Management für Nonprofit-Organisationen absolvierte, stand die Reflexion der Entwicklung der Diakonie im Mittelpunkt meiner Abschlussarbeit. Eine Erfahrung, die im Prinzip ja auch meine persönliche berufsbiografische Entwicklung deutlich macht, ist die der permanenten Organisationsentwicklung. Das heißt, nach jedem abgeschlossenen Strukturprozess beginnt bereits eine neue Entwicklungsstufe. Hier das richtige Augenmaß zu finden, dass Mitarbeitende die Veränderungen mitgehen können, aber noch ausreichend Orientierung in den Strukturen finden, ist eine anspruchsvolle Leitungsaufgabe. Der Prozess der Diakonie RWL und für den Geschäftsbereich FABE mit den Standorten Köln, Düsseldorf und Münster war für mich die größte Herausforderung. Ich hoffe, dass mir diese drei Jahre gemeinsamer Prozess gut gelungen sind. Drei Grundorientierungen habe ich versucht umzusetzen:

Zum einen eine konsequente Beteiligung der Mitarbeitenden an den Entwicklungen. Beteiligung meint dabei alle Mitarbeitenden, also auch der Verwaltungskräfte. Das begann bei Auswahl des Namens des Geschäftsbereichs, den wir in einer Gesamtklausur gescrabbelt, Anregungen gesammelt, schließlich durch Punkten ausgewählt haben. Das betrifft aber auch die gemeinsamen Sitzungen, die über Vorbereitungsgruppen gestaltet werden. Und ich habe immer versucht, an gemeinsamen Themen und Inhalten zu arbeiten und dabei auch Ergebnisse (Erfolge) zu erzielen.

Wichtig war mir auch immer eine gemeinsame Zielplanung. Wir haben gleich im ersten Jahr der Diakonie RWL eine Klausur zur Entwicklung und Erarbeitung von Zielplanungsinstrumenten für den Geschäftsbereich durchgeführt. Seit drei Jahren werden nun Aufgaben und Schwerpunkte standortübergreifend für die Arbeitsbereiche entwickelt. Als Orientierung dienten sowohl die strategischen Ziele des Vorstandes als auch die Orientierung und Ziele der Geschäftsbereichsleitung. Schließlich haben wir in gemeinsamen Klausuren einen Überblick über alle Themen und Schwerpunkte des Geschäftsbereichs geschaffen und daraus GB-Ziele entwickelt.

Schließlich müssen Begegnungen auch gestaltet werden. Sich als Ganzes, dem Geschäftsbereich zugehörig zu fühlen, hat immer etwas mit Begegnung von Menschen zu tun. Um mit 70 Mitarbeitenden diese Begegnung zu erleichtern, haben wir gleich zu Beginn der Diakonie RWL einen Ordner mit Fotos und einigen Daten über die Kolleginnen und Kollegen angelegt, unseren „Who is who-Ordner“. Ganz entscheidend waren aber die persönlichen Begegnungen auf den GB-Gesamttreffen einmal im Jahr, die wir gleichzeitig auch als Fortbildungstage genutzt haben und natürlich die zweitägigen Klausuren, in denen wir uns über Träger, Einrichtungen, Landeskirchen und Südrhein informierten, wo aber natürlich auch die Abende intensiv zum Kennenlernen genutzt wurden.

Was nimmst du dir für Berlin vor? Welche Anliegen willst du im besonderen Maße verfolgen?

Zunächst werde ich mir sicherlich sorgfältig ein Bild davon machen, welche besonderen Herausforderungen sich auf der Bundesebene stellen, sowohl innerhalb der Diakonie als auch in Kooperation mit den anderen Wohlfahrtsverbänden, der Regierung und der Politik, der EKD.

Aus meinem momentanen Blickwinkel heraus ist mir besonders wichtig, der Diakonie auf Bundesebene eine starke sozialpolitische Stimme zu geben. Dazu gehört, sich in den Zusammenhängen auf Bundesebene intensiv einzubringen und das Handeln an den Belangen der Betroffenen zu orientieren. Für wesentlich halte ich außerdem, bei der Mitgestaltung von Sozialpolitik auch darauf zu achten, dass die Rahmenbedingungen und Regelungen den Trägern, Einrichtungen und Mitgliedern auch noch Gestaltungs- und Handlungsmöglichkeiten zulassen und sozialpolitische Maßnahmen tatsächlich auch zur Verbesserung für die Menschen beitragen.

Fahrradgruppe

Maria Loheide bei der Führung einer Fahrradexkursion zu "Skulptur.Projekten" in Münster. Rechts im Bild: Reinhard van Spankeren

Ich werde natürlich versuchen, Mitarbeitende zu motivieren, dass sie fachlich kompetent, im Auftreten selbstbewusst und stark die Aufgaben des DW EKD wahrnehmen können. Die Entwicklung der Organisation, insbesondere angesichts der Fusion des Bundesverbandes mit EED und Brot für die Welt, will ich intensiv fördern und gestalten.

 

Beim Betriebsausflug der Diakonie RWL mit dem Rad konnte man erleben, dass du durch Münster und das Münsterland geprägt bist und dich richtig gut auskennst. Was nimmst du davon nach Berlin mit? Willst du demnächst Pättkestouren in Brandenburg machen? Und in dem Zusammenhang – wie willst du dich als leidenschaftliche Autofahrerin im Berliner Verkehr bewegen?

Ganz einfach: mit dem Fahrrad!

 

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