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Archiv 2011

19. September 2011

Hintergrundbericht: Beratungsarbeit für Arbeitslose

Zahl der Langzeitarbeitslosen stagniert auf hohem Niveau - Beratungsbedarf steigt

zwei junge Männer beim Bootsbau

Build your Boat: Junge Erwachsene im Arbeitslosengeld II-Bezug beim Bootsbau
Foto: HAZ Arbeit+Zukunft

Mit dem neuen Förderprogramm des Landes NRW hat sich seit Beginn 2011 das unabhängige Beratungsangebot für Arbeitslose wieder verbessert. 2008 wurde die Förderung dieser Beratungsangebote seitens des Landes eingestellt. Vielen Beratungsstellen und Zentren von Kirche und Diakonie ist es gelungen, trotz Wegfalls der Landesförderung das Beratungsangebot durch kommunale Finanzierungen und eigene Mittel aufrechtzuerhalten. Landesweit sind es nun insgesamt 72 Beratungsstellen und 73 Zentren, die arbeitslosen Menschen Beratung und Unterstützung anbieten. Jede dritte Einrichtung ist in Trägerschaft von Diakonie oder Kirchengemeinden.


Portraitfoto

Ina Heythausen

Steigende Nachfrage

"Die Nachfrage nach dem Beratungsangebot steigt weiter", so Ina Heythausen, Referentin für Arbeitsmarktpolitik und Jugendberufshilfe in der Diakonie RWL. Dazu trügen häufige Veränderungen in der Leistungsgewährung bei. Einen gestiegenen Beratungsbedarf gebe es bei Langzeitarbeitslosen. Deren Zahl ist seit letztem Jahr sogar weiter gestiegen. Mehr als die Hälfte aller Erwerbslosen (50,5 Prozent) in NRW sind inzwischen länger als ein Jahr arbeitslos, Ende 2010 insgesamt 315 000 Menschen.
Mit einem Vernetzungstreffen am 7. November 2011 soll der Austausch der Arbeitslosenzentren und -beratungsstellen in diakonischer Trägerschaft weiter vertieft werden. Ziel ist es, insbesondere den Austausch zwischen den 2011 in die Beratung von arbeitslosen Menschen eingestiegenen und erfahrenen Beraterinnen und Beratern zu unterstützen.

 

Erfahrungen vor Ort

Stephan Schulze-Bentrop, Erwerbslosenberater bei der Hattinger "HAZ Arbeit + Zukunft", erläuterte in einem Hintergrundgespräch seine Erfahrungen aus der Beratungsarbeit für Arbeitslose sowie Möglichkeiten der Organisationsentwicklung.

Portraitfoto

Stephan Schulze-Bentrop

Der Verein "HAZ Arbeit + Zukunft" gründete sich 1984 als Reaktion auf die sich damals in Hattingen festigende (Jugend-) Arbeitslosigkeit. Seitdem wurden unzählige Projekte entwickelt, um Jugendlichen und Erwachsenen auf dem Arbeitsmarkt Perspektiven zu bieten und Chancen zu eröffnen: Neben Arbeitslosenzentrum und -beratung beschäftigt, qualifiziert und coacht das Sozialunternehmen arbeitslose Menschen. Ebenso gehören Angebote für Jugendliche wie Berufsorientierung, -vorbereitung und Ausbildung zu den Dienstleistungen des Unternehmens (ein Überblick über das gesamte Spektrum: http://www.haz-net.de)

Anerkannte Anlaufstelle

Im Laufe der Jahre hat das HAZ sich zu einem festen Bestandteil der Unterstützungslandschaft im Ennepe-Ruhr-Kreis entwickelt, dessen Leistungen auch von Arbeits- und Sozialverwaltung geschätzt werden. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass der Kreis sich auch finanziell engagierte, als das Land NRW seine Förderung der Arbeitslosenberatung und der Arbeitslosenzentren einstellte. So konnte das HAZ-Angebot - mit leichten Einschränkungen - aufrechterhalten werden.

Dies war auch unbedingt notwendig, so Stephan Schulze-Bentrop, denn die Nachfrage nach Beratung steige im Zuge der Arbeitsmarktreformen stetig: So hat sich trotz guter Konjunktur die Zahl der Langzeitarbeitslosen in NRW erhöht . Außerdem seien "Bescheide heutzutage ohne kompetente Hilfe nicht mehr zu verstehen", sagt Schulze-Bentrop, und es sei inzwischen auch schwierig, sich z.B. telefonisch zu der richtigen Stelle im Jobcenter durchstellen zu lassen: "Oft wird man endlos weiterverbunden und gibt am Ende entnervt auf, ohne sein Anliegen geregelt zu haben".

Schulze-Bentrop kommt im Jahr auf etwa 1.200 Beratungen; er unterscheidet dabei zwischen "kurzfristigen", telefonisch oder per Mail erfolgenden Beratungen und solchen mit persönlichem Kontakt zum Hilfesuchenden, die meist eine Stunde dauern und nur nach vorheriger Anmeldung möglich sind. Im Moment müsse man mit einer Wartezeit von ca. drei bis vier Wochen rechnen, um einen Termin bei ihm zu bekommen.

 

Schnelle Hilfe

Doch gerade die "Feuerwehreinsätze" hätten in der letzten Zeit stark zugenommen: Viele Gesetzesänderungen sorgten für neue Rahmenbedingungen, auf die die Betroffenen rasch reagieren müssten, um nicht plötzlich ohne Leistungen dazustehen. Durch eine steigende Zahl von "Aufstockern" oder "kleinen" Selbstständigen, die in finanzielle Schwierigkeiten gerieten, habe sich außerdem der "Kundenkreis" nicht nur verändert sondern auch vergrößert. Aus diesem Grund habe man sich vor einiger Zeit auch dazu entschlossen, im Arbeitslosenzentrum einmal pro Woche eine "Offene Sprechstunde" ohne vorherige Terminvereinbarung anzubieten.

Die wichtigsten gesetzlichen Regelungen hat die HAZ-Arbeitslosenberatung zu thematisch geordneten, allgemeinverständlichen "Info-Blättern" zusammengefasst und auf die eigene Homepage gestellt, um eine erste Orientierung ohne die Notwendigkeit einer direkten Kontaktaufnahme zu ermöglichen.[1] Allerdings hat diese als Erleichterung gedachte Informationssammlung auch neue Arbeit beschert: aus dem gesamten Bundesgebiet gehen dazu Anrufe ein, denn in den meisten anderen Bundesländern gibt es ein solches unabhängiges Beratungsangebot für arbeitslose Menschen nicht. Für Schulze-Bentrop auch ein Zeichen dafür, dass die staatlichen Stellen ihren Beratungsauftrag z.T. unzureichend erfüllen und daher externe Hilfe erforderlich sei.

Stephan Schulze-Bentrop versteht sich als "anwaltschaftlicher Vertreter" der Menschen, die es am Arbeitsmarkt - aber nicht nur da - besonders schwer haben. Viele haben umfangreiche Probleme, die er allein nicht lösen kann - er übernimmt dann die Rolle eines Lotsen, der die Hilfesuchenden an die Stellen verweist, die sie kompetenter unterstützen können, z.B. die Schuldnerberatung. Um auf diesem weiten Feld in Kontakt und auf dem Laufenden zu bleiben, hat er einen Arbeitskreis der verantwortlichen Fachkräfte der Region ins Leben gerufen, in dem man sich regelmäßig trifft und austauscht.

Respekt und Vertrauen

Bei seiner Arbeit hat für Schulze-Bentrop der Respekt vor der Person, die er berät, einen großen Stellenwert: "Man muss eine Vertrauensbasis schaffen; dazu gehört auch, dass man im Gespräch nicht stur einen Leitfaden abarbeitet, sondern mit Fingerspitzengefühl handelt". Wichtig sei natürlich auch, dass man trotz des direkten Drahts zur "anderen Seite", der Arbeits- und Sozialverwaltung, immer die Privatsphäre der Hilfesuchenden schütze. Insgesamt sieht er eine zunehmende Tendenz zur Vereinzelung: "Es wird erheblich mehr geweint als früher", stellt er fest, "und viele Menschen möchten dabei einfach nicht von anderen gesehen werden". So traurig es auch sei: Arbeitslosigkeit und damit verbundene Probleme würden von den Betroffenen mehr und mehr als individuelle "Fehler" denn als Fehler des Systems verstanden.

Zur finanziellen Sicherung der Erwerbslosenberatung sieht Schulze-Bentrop die Notwendigkeit, neue Wege zu beschreiten. Durch die nun wieder gewährte Landesförderung sei die Situation im Moment relativ günstig, trotzdem müsse man sich jedoch überlegen, wie es mittel- und langfristig weitergehen könne. Es wäre hilfreich, wenn man die Abhängigkeit von öffentlichen Geldern verringern könne. Im Bereich der öffentlich geförderten Maßnahmen nimmt er wahr, dass durch die Instrumentenreform aktuell viele Projekte eingestellt oder nur noch in eingeschränktem Umfang fortgeführt werden. Damit Arbeitslosenberatung und -zentrum durch Änderung der Förderpolitik des Landes nicht auch wieder in ihrer Existenz bedroht werden, suche man beim HAZ nach kreativen Formen, die Arbeit des Arbeitslosenzentrums und der -beratung zu refinanzieren, etwa durch Sponsoring oder das Angebot an kleine und mittelständische Unternehmen einer betrieblichen Sozialberatung.

Bericht: Detlef Ullenboom

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