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Archiv 2011

2. Dezember 2011

Wenn alte Menschen nicht mehr weiterwissen: Projekt Lebenslinien entwickelt neue Strategien gegen Alterssuizide

"Gemeinsam Wege aus der Krise finden" - so hieß die erste große Fachtagung des Großprojekts "Lebenslinien. Krisenbewältigung im Alter" am 29. November im Wissenschaftspark Gelsenkirchen. 130 Interessierte waren gekommen, um sich auszutauschen und kundig zu machen. Es geht um ein weitgehend verdrängtes und beschwiegenes Thema.


Suizid im Alter: hohe Zahlen, wenig Hilfen

Die Zahlen sind erschreckend. Die Suizidrate bei Menschen über 65 ist fast doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung. Aber das ist kaum bekannt. Und das Problem der "Suizidalität im Alter" wird verdrängt, beschwiegen und verharmlost. Neun von zehn, die gerettet werden, sagen anschließend, sie seien glücklich, dass sie den Suizidversuch überlebt haben. Es besteht ein hoher Handlungsbedarf. Die Stiftung Wohlfahrtspflege, das machten Günter Garbrecht und Andreas Burkert zu Beginn der Tagung in ihren Grußworten deutlich, will das Thema Alterssuizid aus der Tabuzone holen und den Aufbau eines neuen Hilfenetzes tatkräftig finanziell und ideell unterstützen.

 

Portraitfoto

Katja Alfing

"Lebenslinien" - ein Leuchtturmprojekt zur Krisenbewältigung im Alter

Mit mehr als 700.000 Euro fördert die nordrhein-westfälische Stiftung Wohlfahrtspflege das umfangreiche Projekt, das über drei Jahre läuft. Die Projektorganisation liegt bei der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. Koordinatorin Katja Alfing erläuterte bei der Tagung die Projektziele: Es geht um Aufklärung und Information, den Aufbau regionaler Netzwerke, die Qualifizierung von Multiplikatoren und die Entwicklung von zugehenden Beratungs- und Unterstützungsangeboten. Um den Erfolg des Projekts zu sichern, wird es die ganze Laufzeit über von der Uni Münster wissenschaftlich evaluiert. Ein hochrangiger Projektbeirat steuert mit Impulsen den Aufbau neuer Hilfenetze.

 

Drei Projektstandorte: Bielefeld, Hilden und Gelsenkirchen

An drei Modellstandorten wird besonders intensiv am Thema Krisenbewältigung im Alter gearbeitet. So sollen übertragbare Modelle entwickelt werden. Im rheinischen, eher kleinstädtischen Hilden ist die Evangelische Erwachsenenbildung am Projekt beteiligt, in Bielefeld bringt der Evangelische Gemeindedienst seine Kompetenzen ein und mitten in der Krisenregion Ruhrgebiet entwickelt die Evangelische Kirchengemeinde Gelsenkirchen-Buer-Beckhausen beispielhafte Ideen gegen Krisen im Alter. Die notwendige neue Kultur der Aufmerksamkeit, von der bei der Fachtagung viel die Rede war, kann nicht von oben aufgesetzt werden, sie fängt von unten an.

 

Lebensende, Sterben und Tod sind unangenehme Gesprächsthemen

Der Alternsforscher Professor Dr. Norbert Erlemeier machte deutlich, dass sowohl allzu negative wie allzu positive Altersbilder problematische Konsequenzen haben. Der Alterssuizid gelte als gute Lösung, sein Leben selbstbestimmt zu beenden. Hier müsse viel Aufklärungsarbeit geleistet werden. Man müsse schlicht näher an alte Menschen herankommen und mit ihnen das Gespräch über existenzielle Fragen suchen. Wenn es tatsächlich zum Suizid kommt, darauf wies Astrid Geschwinde von der Angehörigen-Selbsthilfegruppe AGUS hin, dann brauche Trauerarbeit viel Zeit. "Trauer geht nicht höher, weiter, schneller", Selbstreflexion und Austausch brauchten viel Geduld.

Das hohe Ideal des selbstbestimmten Lebens, so Psychiatrie-Professor Gereon Heuft aus Münster, verstärke die Krise der Auseinandersetzung mit dem Älterwerden. In seinen Studien hat er herausgefunden, dass allein schon der körperliche Alterungsprozess auch bei sonst gesunden, glücklichen und wohlhabenden Menschen zwischen 68 und 75 krisenauslösend wirkt. In Selbsthilfegruppen und mit psychotherapeutischer Hilfe könne man zwar viel Gutes bewirken, der Alterungsprozess verstärke aber Abhängigkeiten und damit die Anfälligkeit für Krisen. Hier kommt es nicht nur zu Depressionen, sondern auch zu narzisstischen Krisen.

Wie die Information und Ansprache älterer Menschen – wenn auch durchaus mühsam – aufgebaut werden kann, das berichtete Dr. Wilfried Reckert am Beispiel des Seniorennetzwerkes Gelsenkirchen. Den kompetenten Ansprechpartner, den richtigen Zeitpunkt und den sinnvollen Ort für die Kultur der Aufmerksamkeit zu finden – dafür muss allerdings noch einiges an Fantasie entwickelt werden. Neugier und konkrete Nachfrage, so plädierte Hubert Edin von der Krisenhilfe Münster, seien durchaus angebracht, um präventiv, konkret und ansprechend  mit dem Thema Suizid umzugehen. Denn viele Menschen leiden darunter, dass sie niemanden haben, mit dem sie "darüber reden können". Edin beklagte, dass es ausgerechnet für Suizidgefahr keine Routinen der Krisenintervention gebe. Auch müsse das Netz der schon bestehenden Hilfesysteme von der Telefonseelsorge bis zum psychiatrischen Dienst der Gesundheitsämter viel besser bekannt gemacht werden.

 

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