28. September 2011
Das Altenheim als Hospiz
Mitgliederversammlung des Fachverbandes Hospiz- und Palliativdienste
Tabea Luhmann (l.) und Andelheid Rieffel (r.) im Gespräch mit Pfarrer Dietrich Buettner, Hospizreferent bei der Diakonie RWL
Ein Drittel aller Deutschen sterben in einem Pflegeheim. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in einer solchen Einrichtung wird immer kürzer. Die klassischen Pflegeheime sind zu Sterbeheimen geworden in denen die Themen Sterbekultur, hospizliche Begleitung und palliative Versorgung immer wichtiger werden. Rund 50 Hospizexperten der Diakonie diskutierten dazu in Münster.
„Um ein würdiges Sterben in einem Pflegeheim zu ermöglichen, reicht es nicht mit ein paar Ehrenamtlichen Sterbebegleitung anzubieten; die ganze Einrichtung und alle Mitarbeitenden müssen das Thema verinnerlichen“, so Tabea Luhmann, Pfarrerin für Hospizarbeit in Wuppertal, bei der Mitgliederversammlung des Fachverbandes "Hospiz- und Palliativdienste" in der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. Eine solche Implementierung von palliativer Versorgung, hospizlicher Begleitung und Trauerkultur in den Alltag einer stationären Altenhilfeeinrichtung könne auch unter schwierigen finanziellen Rahmenbedingungen gelingen, wenn die Leitung des Hauses es wolle. Da waren sich Tabea Luhmann und die Adelheid Rieffel einig. Für die langjährige Hospizleiterin aus Bielefeld ist es weniger eine Frage der Finanzen als der Haltung der Mitarbeitenden: „Diese Arbeit ist unbezahlbar, deshalb kostet sie auch nichts.“
Tipps zum Thema:
- Sterbebegleitung im Pflegeheim: Ist-Zustand analysieren mit 20 Indikatoren
- Hospizkultur im Alten- und Pflegeheim - 20 Indikatoren und Empfehlungen zur Palliativkompetenz, in: Diakonische Leitlinien zu Palliative Care, Sterbebegleitung und Abschiedskultur
- „Leben bis zuletzt - Palliativbetreuung in den Alten- und Pflegeheimen” ein Projekt der Inneren Mission München
- Leitfaden zur Implementierung von Hospizarbeit (von Frank Kittelberger, München)
Fertige Konzepte übernehmen
Während Tabea Luhmann und Andelheid Rieffel vor Jahren noch eigene Konzepte entwickeln mussten, wie man Pflegekräfte, Ärzte, Seelsorger und Geschäftsführungen schult und für das Thema sensibilisiert, gibt es heute eine Reihe von Modellen zu Implementierung. Das beginnt mit Schulungen, dem 160-Stunden Palliativ-Care-Kurs und geht über in eine regelmäßig tagende Arbeitsgruppe zu Hospiz- und Palliativ-Fragen. In einer solchen Runde können sich die Mitarbeitenden in ethischen Fallbesprechungen austauschen, z.B. wie lange Sondenernährung am Lebensende sinnvoll ist und wie viel Flüssigkeitszufuhr ein Sterbender braucht. Diese Gruppe kann auch Abschieds- und Trauerrituale entwickeln, die zur eigenen Einrichtung passen. Insgesamt braucht ein solcher Prozess viel Geduld und Zeit, betonten die beiden Expertinnen: „Eine palliativliche Haltung im Heim muss alle beschäftigen, von der Leitung bis zur Hauswirtschaft. Das geht nicht von heute auf morgen.“
Ulrich Watermeyer vor seinem Vortrag
Sterbekultur als christlicher Auftrag und Wettbewerbsvorteil
Dass eine würdige Sterbekultur in Altenpflegheimen der Diakonie nicht nur Ausdruck christlicher Nächstenliebe ist, sondern auch ein Wettbewerbsvorteil, schilderte Ulrich Watermeyer, Geschäftsführer von vier Heimen im Raum Münster. „Hospizarbeit und palliative Pflege gehört zur diakonischen Altenhilfe dazu. Was sonst macht Diakonie aus, als Menschen in schwierigen Lebensphasen zu begleiten und zu unterstützen? Erst recht im Sterben. Damit unterscheiden wir uns von anderen Anbietern.“ Häuser, die sich diesem Thema intensiv widmeten hätten einen zweifachen Wettbewerbsvorteil. Zum einen ließen sich viele Angehörige, die eine gute Sterbebegleitung erlebt haben, für ehrenamtliche Mitarbeit gewinnen. Zum anderen werden die Mitarbeitenden nicht alleine gelassen mit dem Widerspruch zwischen eigenen Ansprüchen und der Realität. „So machen wir Diakonie erlebbar und binden unsere Mitarbeitende an die Einrichtung.“ Watermeyer ist davon überzeugt, das es genügend Geldquellen gibt, wie Stiftungen und Kollektenmittel, die eine intensivere Hospizkultur in Altenheimen ermöglichen. Letzten Endes bleibe es aber eine Frage der Gewichtung und strategischen Ausrichtung des Hauses. „Die Leitung muss sich fragen: Was ist uns diese Arbeit wert? Und das ist konfliktträchtig.“
Weitere Informationen
- Kann sich die Altenhilfe die Hospizarbeit und Palliativpflege überhaupt leisten?
- Vortrag Ulrich Watermeyer