22. März 2012
"Inklusion betrifft alle Kinder, Jugendlichen und deren Familien"
Die Fachtagung Inklusion und Erziehungshilfe sucht den Weg von der Vision in den Alltag

Das Podium mit (v.l.n.r.)
Dr. Nicole Knuth, Inrene Düring, Petra Hiller, Heiner Bartelt, Michael Both, Cornelia Bornefeld-Gronert und Tiran Danielyan
Das Inklusive möglich machen … - hier geht es um eine Vision, um Konzepte, vor allem aber um eine Veränderung der Praxis, die das Recht auf Ungleichheit in unserer Gesellschaft ermöglicht. Was bedeutet Inklusion für die Erziehungshilfe? Damit befasste sich der Fachtag „Das Inklusive möglich machen…“ des Evangelischen Fachverbandes für Erzieherische Hilfen der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe.
Welche Haltung für inklusives Handeln?
Gut 90 Fachleute waren nach Münster gekommen, um sich zum Thema „Inklusion und Erziehungshilfe“ auszutauschen. Ulrike Bavendiek, Vorstandsmitglied des Fachverbandes, machte bei ihrer Begrüßung deutlich, dass der mit Inklusion gemeinte Paradigmenwechsel mit vielen unterschiedlichen Vorstellungen auch für viel Verwirrung gesorgt hat. Dem Fachverband für Erzieherische Hilfen ist wichtig, „sich auf der Haltungs- und Handlungsebene dem Konzept Inklusion anzunähern.“ Erste Schritte dazu erläuterte Hansjörg Mandler, Pädagogischer Direktor beim Diakoniewerk Essen, mit seinem Vortrag „Welche Haltung brauchen wir für ein inklusives Handeln in den Erziehungshilfen?“ Er zeichnete die Begriffs- und die Realgeschichte des Inklusionsgedankens nach und stellte fest: „Inklusion findet oft in der Jugendhilfe schon statt – ohne dass wir es wahrnehmen.“ Vieles müsse sich aber noch verändern, so plädierte er etwa für eine „Entgruppung“ in der Jugendhilfe, denn die Gruppen mit ihren Regeln stünden mitunter dem Prinzip der Individualisierung entgegen. „Die Insel der Jugendhilfe hat sich in den meisten Fällen schon aufgelöst“, konnte Mandler feststellen, zugleich machte er klar, dass Inklusion mehr ist als das Zusammenlegen von verschiedenen Angeboten. Und vor allem gilt – so sein Appell an die Fachkräfte: „Inklusion wird nicht passieren, wenn wir uns selbst nicht verändern.“
Chancen und Grenzen
Die selbstkritische Frage, ob nicht das ganze System der Jugendhilfe als nicht inklusionstauglich aufgegeben werden müsse, fand in der Diskussion differenzierte Antworten. „Täter und Opfer kann man nicht in einer Gruppe zusammenstecken“, hieß es etwa ganz alltagspraktisch. Notwendig sei aber immer, die Betroffenen als Experten in eigener Sache ernst zu nehmen. Das Gebot der Inklusion gelte nicht um jeden Preis, Inklusion bedeute nicht, alles aufzulösen. In der ambulanten Jugendhilfe seien schon viele Barrieren aufgegeben; wichtig sei immer, dass Separation grundsätzlich als Problem wahrgenommen werde.
Wie Inklusion möglich werden kann, wurde in einer Podiumsdiskussion am Beispiel der Lebensgeschichte von „Mustafa“ ausgelotet. Moderiert von Irene Düring und Dr. Nicole Knuth kam hier die Erziehungshilfe ins Gespräch mit Schule, Kita, Behindertenhilfe und Migrationsberatung. Im persönlichen Gespräch – zwischen Petra Hiller, Heiner Bartelt, Michael Both, Cornelia Bornefeld-Gronert und Tiran Danielyan – konnte schon erreicht werden, was Ziel der inklusiven Jugendhilfe insgesamt sein muss, dass nämlich die Abgrenzungen zwischen den verschiedenen Hilfesystemen überwunden werden. Von den Experten deutlich angesprochen wurden aber auch die handfesten Hindernisse vollständiger Inklusion. Beispielsweise widerspreche die Tendenz zu immer größerer Spezialisierung in der Behindertenhilfe dem Gedanken der Inklusion, so Heiner Bartelt von der Diakonie Ruhr Wohnen. Auch Schule mit einem Notensystem als Ausleseverfahren ist für sich schon anti-inklusiv.
Inklusion als Anspruch an die Erziehungshilfe bleibt eine anspruchsvolle Aufgabe. Von der Vision bis zur Wirklichkeit ist es noch ein weiter Weg, inklusiver gesprochen: sind noch viele Wege zu gehen und Schritte zu machen.
Materialien
- Welche Haltung brauchen wir für ein inklusives Handeln in der Erziehungshilfe?
- Auf dem Weg zur Inklusion - Die Perspektive des Landschaftsverbandes Rheinland
- Zum Inklusionsbegriff in Systemen der stationären Jugendhilfe
- Die Chancen der Erziehungshilfe zur Inklusion von Migrantinnen und Migranten - Uta Claußen-Wätzel