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30. November 2011

Verleihung des "AGpR - Förderpreises Gemeindepsychiatrie"

Prof. Dr. Uwe Becker: "Exklusionsprozesse im Blick behalten"

Gesprächssituation

Pfarrer Prof. Dr. Uwe Becker im Gespräch mit Moderatorin Julitta Münch

Am 17. November wurde im jüdischen Gemeindezentrum Duisburg zum ersten Mal der "Förderpreis Gemeindepsychiatrie" vergeben. Ausrichter war die Arbeitsgemeinschaft Gemeindepsychiatrie Rheinland e.V. Jurymitglied Prof. Dr. Uwe Becker, Vorstand der Diakonie RWL, mahnte bei der Festveranstaltung, die vielfältigen Prozesse aktiver Exklusion nicht aus dem Blick zu verlieren. Der mit 5000 Euro dotierte Preis ging an eine inklusive Bogensportgruppe vom Sozialpsychiatrischen Zentrum in Wermelskirchen. Der Preis wurde von Marlis Bredehorst, Staatssekretärin im Ministerium Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen und dem Vorsitzenden der AGpR, Nils Greve, überreicht. Insgesamt hatten sich 17 Projekte aus dem Rheinland um den Preis beworben.

"Die Projekte zeichnen sich allesamt durch eine bezeichnende ´Bescheidenheit´ aus. Mit wenig Mitteln, im Zusammenwirken von professioneller und zivilgesellschaftlicher-freiwilliger Tätigkeit, orientiert am Sozialraum vor Ort, haben Sie Erstaunliches geleistet, um dem Thema ´Inklusion´ ein konkretes Gesicht zu geben" erklärte Becker im Rahmen des Festaktes. Allerdings sei der öffentliche Diskurs zum Thema "Inklusion" auch kritisch zu betrachten: "Man kann ja mal ganz keck fragen, wen wir alles wohin inkludieren sollen, denn die Zahl der ´Exkludierten´ ist erstaunlich hoch: 12 Millionen Menschen in Armut, 1,5 Millionen Menschen mit aufstockender Sozialtransfer, 4 Millionen Arbeitslose, Millionen von Menschen mit Migrationshintergrund, Millionen von Menschen mit Behinderungen, Millionen von Pflegebedürftigen. ... Wir müssen in der Sozialen Arbeit aufpassen, dass wir nicht die eigentlichen Ursachen von Exklusion aus dem Blick verlieren und sozusagen am Ende dieser Ausschlussprozesse kleinteilige, soziale Reparaturdienstleistung betreiben. Das spricht nicht gegen diese Projekte - da ist hoher Respekt angezeigt angesichts dessen, was dort geleistet wird - aber wir sollten darauf achten, dass wir mit dieser Arbeit nicht entschuldigen, was im Großen an Versagen abläuft."

Becker bezog sich auf die vorhergehenden Vorträge von Gudrun Tönnes von Lebensart Münster und Prof. Dr. Thomas Bock, den Leiter der Sozialpsychiatrischen Ambulanz am Universitätsklinikum Eppendorf/Hamburg. "Wenn wir heute auch erfahren haben, wie viele Menschen psychisch erkranken, weil sie den Belastungen in Schule und Beruf nicht standhalten, dann müssen auch Anfragen an dieses System gestellt werden. Wie viele Kinder und Jugendlich werden ihrer Kindheit und Jugend beraubt, werden im ‚G8-Betrieb´ zu eindimensional auf ihre kognitive Leistungs- und Belastungsfähigkeit hin reduziert. Hier müssen wir uns nicht wundern, wenn diese psychische Belastung auch psychisch krank macht" erklärte Becker. Ähnliches gelte für die Verdichtung der Arbeitswelt mit massiven Auswirkungen auf die psychische Stabilität und umgekehrt die psychische Destabilisierung von Menschen in Arbeitslosigkeit.

Bogenschützen

Foto: Casito / Wikimedia Commons

Aus dieser Perspektive war die Auszeichnung schlüssig gewählt, wenn das ausgezeichnete Bogenprojekt des Vereins "alpha" aus Wermelskirchen sich so beschreibt: "Zur Zeit haben wir 101 Mitglieder im Alter von 8 bis 75 Jahren; 32 Mitglieder davon haben eine ´anerkannte´ Behinderung (psychisch/geistig/körperlich/mehrfach) - Tendenz steigend. Bei uns schießen Bezieher von Grundsicherung, Schüler, Studenten, Ärzte, Arbeiter, Hausfrauen, Angestellte, Selbständige, Firmeninhaber, Politiker - einfach jeder, der Interesse hat. Bemerkenswert ist bis heute, dass keine Berührungsängste und keine Distanz zwischen den Mitgliedern (ohne und mit Behinderung - egal welcher) zu erkennen sind."

Zwei weitere Projekte wurden mit Urkunden ausgezeichnet: Das Projekt "LeselernhelferInnen" des Sozialpsychiatrischen Zentrums in Eitorf und die Initiative "Schule begegnet Psychiatrie" des Sozialpsychiatrischen Zentrums Köln-Ehrenfeld. Im "LeselernhelferInnen-Projekt" helfen Menschen mit Psychischer Erkrankung  in einer Gemeinschaftsgrundschule einmal in der Woche Schülerinnen und Schülern bei der Erweiterung von Lesekompetenzen. Im Projekt "Schule begegnet Psychiatrie" werden in Kooperation mit Lehrerinnen und Lehrern Unterrichtsstunden zum Thema seelische Gesundheit gestaltet. Das Angebot umfasst persönliche Erfahrungsberichte von Menschen mit seelischen Erkrankungen und von Angehörigen.

 

 

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