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26. Januar 2010

Option für die Armen praktisch:

Westfälischer Herbergsverband begeht sein 125jähriges Jubiläum

 

Bei ihrer Begrüßung kritisierte Jutta Henke, Vorsitzende des Fachverbandes für Wohnungslosenhilfe im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche von Westfalen und der Lippischen Landeskirche, die Klischeebilder von Obdachlosen, mit denen Arme als Clochards, als Störfaktoren oder als Kältetote präsentiert werden, während der Einsatz für die Würde und die sozialen Menschenrechte Benachteiligter kaum Beachtung findet. In seinem Jubiläumsjahr will der Westfälische Herbergsverband gemeinsam Vorstellungen von einer guten, gerechten Gesellschaft entwickeln, seine Positionen hierzu schärfen und hiermit die Öffentlichkeit für die Belange Ausgegrenzter sensibilisieren.

Gerechtigkeit im Brennpunkt

Zwei große Fachvorträge boten Hilfestellung aus wissenschaftlicher Sicht. Dr. Alexander Filipovic vom Institut für Christliche Gesellschaftslehre der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster referierte über Gerechtigkeit in philosophischer und theologisch-ethischer Perspektive und die Verteilungsforscherin Dr. Irene Becker aus Darmstadt  informierte das sehr aufmerksame Publikum mit Daten und Fakten zu verschiedenen Dimensionen von Gerechtigkeit im Sozialstaat heute. Dabei wählte sie einen soziologisch-empirischen Zugriff. Die plastische Formulierung des Herbergsverbandes in seiner Grundsatzposition „ Die Gerechtigkeit hat eine Lücke“ wurde auch im wissenschaftlichen differenzierten Diskurs im wesentlichen bestätigt.

Vor dem Hintergrund einer Jahrhunderte langen Debatte um Gerechtigkeit von Aristoteles bis John Rawls, so der Theologe Filipovic, bleibt die Option für die Armen, wie sie das Sozialwort der Kirchen von 1997 auf den Punkt bringt, als Maßstab bedeutsam und aktuell.  Um die Exklusion, also den gesellschaftlichen Ausschluss von Armen, zu verhindern, müssten die gesellschaftlichen Strukturen verändert werden und nicht die Armen sich an das ungerechte System anpassen. Zwiespältig sind die Ergebnisse der soziostrukturellen Gerechtigkeitsbilanzen, die Irene Becker vorstellte. So ist auf der einen Seite zum Beispiel der Bildungsaufstieg von Frauen beeindruckend, die immer größere Spaltung zwischen Arm und Reich in Deutschland aber mit den Ansprüchen an einen demokratischen und sozialen Rechtsstaat im Grunde nicht vereinbar.

Ein politischer Verband

An die Fachvorträge schloss sich eine lebhafte Diskussion an, die von zwei Anwältinnen des Publikums moderiert wurde. „Alte Hasen“ aus der Wohnungslosenhilfe diskutierten mit den Praktikern von heute und den Referenten aus der Wissenschaft. Kann Wirtschaftswachstum zu gerechterer Verteilung führen? Und ist Wirtschaftswachstum traditioneller Art überhaupt wünschenswert? Wo bleibt die Barmherzigkeit beim Ringen um Gerechtigkeit?  Wie kann die konsequente Armutsdiakonie in einer immer stärker unternehmerisch ausgerichteten Kirche und Diakonie Gehör finden und erfolgreich sein?  Wie können die Erfahrungen der Armen wahrgenommen und aufgegriffen werden? Wie sind die Statistiken mit Zahlen zur abnehmenden Wohnungslosigkeit zu bewerten? Engagiert und lebhaft diskutierten die etwa 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit dem Podium und untereinander.

„Wir sind ein politischer Verband“ – darüber besteht Einigkeit im Westfälischen Herbergsverband. Der Fachverband, der sich in Gesellschaft und Kirche für die einsetzt, die am Rande stehen, wird sich selbst in seiner praktischen Option für die Armen nicht an den Rand drängen lassen. Das wurde mit der Auftaktveranstaltung in Bethel deutlich.

Jubiläumsjahr 2010

Zum Abschluss des weniger feierlichen als zunächst primär fachlichen Tages informierte Jan Orlt, Geschäftsführer des Westfälischen Herbergsverbandes, über die weiteren Höhepunkte des Jubiläumsjahres. Am 11. Dezember wird es einen großen Festakt in Münster geben. Schon jetzt kann eine eigens erarbeitete Fotoausstellung ausgeliehen werden, mit der Einrichtungen vor Ort auf die Lebensumstände wohnungsloser und armer Menschen eindrucksvoll aufmerksam machen können. In Arbeit ist ein Wanderführer, der die Wege der Wanderarmen seit dem 19. Jahrhundert nachvollzieht.

 

Die Begrüßung von Frau Jutta Henke
Begrüßungstext von Jutta Henke

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