23. Dezember 2015

Freiwilligendienste

Lust auf deutsche Weihnachten

weißes und dunkelhäutiges Mädchen nebeneinander

Junge vor Weltkarte

Flüchtling vor Marienbild

Junge Frau vor Weltkarte

Gruppenbild

Portrait

Tannenbaum, Kerzen und Geschenke - dafür ist das deutsche Weihnachtsfest weltbekannt. In den Freiwilligendiensten haben junge Leute aus dem Ausland nun das erste Mal Gelegenheit, in Deutschland mitzufeiern. Viele kennen das Familienfest aus in ihrer Heimat, aber dort sieht es meist ganz anders aus. Mit Spannung und ein bisschen Wehmut warten sie daher auf den deutschen Lichterglanz, die Lieder und das Festessen zu Weihnachten.

Ein Weihnachtsmann, der mit einem Schlitten voller Geschenke durch den verschneiten Wald zu den Kindern in der Stadt braust – Das hat sich Tuvshinjargal auch gewünscht. „Ich wusste zwar nicht, was Weihnachten bedeutet, aber diese toll verpackten Geschenke aus den Fernsehfilmen hätte ich gerne bekommen“, erzählt die 29-jährige Mongolin. Seit drei Monaten macht sie als sogenannte „Incomerin“ ein freiwilliges soziales Jahr in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung in Lüdenscheid.

Tuvshinjargal ist eine von insgesamt 18  Incomern, die die Diakonie RWL derzeit betreut. Weihnachten hat sie in ihrem buddhistisch geprägten Heimatland nie gefeiert, aber sie kennt das Fest aus vielen Hollywood-Fernsehfilmen. „Als Nomaden haben wir ganz anders gelebt, viel bescheidener“, erzählt sie. Jahrelang ist Tuvshinjargal mit ihren Eltern, drei Geschwistern und zahlreichen Tieren durch die Steppe gezogen. Die Schule hat sie besucht, wenn die Familie zwischendurch in Städten lebte, um dort ihre Schafwolle, Ziegenfelle und Milchprodukte zu verkaufen.

Nach einem Studium der Germanistik und Erziehungswissenschaften und einigen Jahren als Reiseleiterin in der Mongolei will sie nun in Deutschland den sozialen Beruf des Heilpädagogen kennenlernen. „Die deutsche Sprache habe ich in meiner Heimat gelernt, aber die deutsche Kultur kenne ich nicht“, betont die Mongolin. „Die Weihnachtsmärkte, der Glühwein, der viele Lichterschmuck – all das ist für mich neu und spannend.“

 

Heiligabend am Lagerfeuer

Edna geht es ähnlich. Die 22-jährige Kenianerin arbeitet seit Juli in einem Seniorenheim in Münster. Deutschland kannte sie aus dem Fernsehen und den Erzählungen der Reisenden, die in ihrem Heimatland die Safariparks besuchen. „Daher war mir Weihnachten ein Begriff, aber wir feiern es ganz anders.“ An Heiligabend, so erzählt Edna, reist ihre gesamte Familie zu den Großeltern aufs Land. „Wir sitzen dann zu vierzig Leuten im Kreis um ein Feuer, singen und tanzen.“ Um 24 Uhr stehen alle auf, halten sich an den Händen und werden von den Großeltern gesegnet. „Das ist unser Weihnachtsgeschenk.“

Alle übernachten unter freiem Himmel, denn die Großeltern haben in ihrer Hütte nicht viel Platz. Wasser und Strom gibt es nicht. „Für mich ist die Familie sehr wichtig“, erzählt Edna. „Es tut mir leid, wenn ich miterlebe, dass alte Menschen in Deutschland so selten von ihren Kindern und Enkeln besucht werden.“ Dieses Jahr wird die Afrikanerin mit den Bewohnern des Seniorenheims in Münster Weihnachten feiern. „Ich habe etwas Angst davor, dass mich großes Heimweh überfällt“, gibt sie zu.

 

Kindheitstraum vom Weihnachtsschnee

Auch für den 19-jährigen Lucas aus Argentinien spielt die Familie eine große Rolle. Er kann nicht verstehen, dass sich Deutsche so wenig Zeit für spontane Besuche nehmen. „Alle zücken ihre Terminkalender und verabreden sich telefonisch. Und vor Weihnachten sind sie besonders hektisch.“ Was ihn privat stört, sieht Lucas beruflich aber positiv.

„Ich bin nach Deutschland gekommen, um herauszufinden, wie die Menschen es hier schaffen konnten, ein nach zwei Weltkriegen komplett zerstörtes Land so erfolgreich aufzubauen, dass sie heute führende Industrienation sind.“ Eine Antwort hat Lucas bereits in seiner Einsatzstelle gefunden: „Die Deutschen sind zielstrebig. Sie machen genaue Dienstpläne und arbeiten gut im Team zusammen, sind pünktlich und halten sich an Vereinbarungen. In Argentinien macht jeder, was er will.“

Weihnachten wird Lucas mit seiner Schwester feiern, die schon seit vielen Jahren in Deutschland lebt – und dabei hoffentlich auf eine verschneite Landschaft blicken. „Ich habe mir immer Schnee zu Weihnachten gewünscht“, erzählt er. Dafür hat er sogar zur Jungfrau Maria gebetet, deren Bild zu Hause bereits am 8. Dezember gemeinsam mit dem künstlichen Tannenbaum aufgestellt wird. „Aber bei 30 Grad in Argentinien wäre das ein echtes Wunder gewesen“, lacht er.

 

Der alte Text der Weihnachtsgeschichte zu neuen Bildern von der Flucht

http://christmasstory.world

Keine Geschenke, aber neue Kleider zum Fest

Große, bunt verpackte Geschenke kennt der Argentinier ebenfalls nicht. In seiner Familie sei es an Heiligabend zwar üblich, dass der Weihnachtsmann kleine Präsente bringe, wenn die Großfamilie zum Grillen zusammenkomme, sagt er. „Aber die sind nur in einer Tüte verpackt.“ Noelson aus Madagaskar kennt es dagegen gar nicht, an Heiligabend beschenkt zu werden. Dabei ist den Christen, die auf dem Inselstaat vor der Ostküste Mosambiks leben, das Weihnachtsfest sehr wichtig. „Die Städte sind geschmückt, man geht in die Kirche und feiert anschließend gemeinsam als Familie“, berichtet der 23-jährige Student.

Doch Geschenke gibt es an Heiligabend nicht. Allerdings kleiden sich die Christen auf Madagaskar für das besondere Fest neu ein. Ein Brauch, den sich der 23-jährige Student in diesem Jahr von seinem geringen Gehalt als Freiwilliger nicht leisten kann. Aber das würden die Deutschen, mit denen er feiert, auch nicht erwarten, betont Noelson. Er arbeitet seit einem Monat in der Arche Tecklenburg, einer Lebensgemeinschaft von Menschen mit und ohne Behinderung.

Der 21-jährige Semir aus dem Kosovo feiert als Muslim ohnehin kein Weihnachten. Doch in seinem Heimatland trifft sich die Familie ähnlich wie in Russland an Neujahr, um gemeinsam zu feiern und sich zu beschenken. “Als Kind habe ich mir einen Heiligabend mit Tannenbaum und Kerzen gewünscht“, gibt er zu. Daher sei das erste Weihnachtsfest in Deutschland für ihn „richtig cool“. Semir freut sich auf die Feier im Seniorenheim in Iserlohn, in dem er arbeitet – und einen Wunsch hat er auch: „Das Beste wäre ein Weihnachtsmann aus Schokolade.“

Sabine Damaschke

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