11. Februar 2016

Reportage

Wegbereiter der Integration - Migranten werden Flüchtlingshelfer

Ruba hofft auf einen beruflichen Neuanfang

Für Zuwanderer ist der Weg in den deutschen Arbeitsmarkt mühsam. Unter den Arbeitslosen hat jeder fünfte einen ausländischen Pass. Mit dem starken Zustrom der Flüchtlinge ergeben sich für sie nun neue Jobchancen. Zum Beispiel in Essen. Dort qualifiziert die NEUE ARBEIT der Diakonie arbeitslose Migranten im Projekt "Wegbereiter" für den Einsatz in Flüchtlingsunterkünften.

Als Ruba vor 20 Jahren mit ihrer einjährigen Tochter aus dem Irak flüchtete, verstand sie kein Wort Deutsch. Mit ihrem Englisch kam die gelernte Erzieherin in Leipzig auch nicht weiter. "Der Start in Deutschland war hart für mich", erzählt sie. "Es dauerte lange, bis ich einen Sprachkurs machen konnte. Beim Einkaufen musste ich mich mit Händen und Füßen verständigen, arbeiten durfte ich auch nicht." Drei Kinder hat Ruba groß gezogen und eine Ausbildung zur Bürokauffrau gemacht, denn ihre Zeugnisse als Erzieherin wurden nicht anerkannt. Einen festen Job fand sie nicht. Heute ist Ruba 42 Jahre alt und hofft auf einen beruflichen Neuanfang im Projekt "Wegbereiter".

 

Win-Win-Situation für Zugewanderte

Seit Januar schult die NEUE ARBEIT, ein selbstständiger Arbeitshilfeträger der Diakonie Essen, zwölf arbeitslose Migrantinnen und Migranten, damit sie Flüchtlingen bei ihren ersten Schritten in Deutschland helfen können. Weitere Kurse sollen folgen. Die Wegbereiter werden künftig in 14 Übergangswohnheimen eingesetzt, die das Diakoniewerk und der Caritasverband in Essen betreuen. Sie unterstützen die Flüchtlinge bei der sozialen Integration. Das bedeutet, sie gehen mit ihnen zum Arzt, begleiten sie beim Einkauf oder helfen ihnen bei der Anmeldung ihrer Kinder in Kitas und Schulen sowie bei der Jobsuche.

Haben die "Wegbereiter" auf den Weg gebracht: Thomas Stuckert und Michael Stelzner (v.l.)

"Unser Bedarf an Personal ist riesig", sagt Geschäftsführer Michael Stelzner. "Mit dem neuen Projekt wollen wir eine Win-Win-Situation schaffen." Die arbeitslosen Migrantinnen und Migranten, die alle Hartz IV beziehen, werden zwei Jahre lang im Rahmen einer sogenannten "Gemeinwohlarbeitsstelle" beschäftigt und bekommen den Mehraufwand vom Jobcenter vergütet. Die Flüchtlinge wiederum haben mit Hilfe der Wegbereiter eine bessere Chance, schnell in Sprachkurse und berufliche Qualifizierungsmaßnahmen zu gelangen.

 

Ausbildungs-Perspektiven schaffen

Zum Job der Wegbereiter gehört es auch, in den Flüchtlingsunterkünften beim Ausfüllung von berufsbiografischen Befragungbögen zu helfen, die an die Arbeitsagentur und das Jobcenter weitergeleitet werden. "Das hilft uns dann, ihnen direkt entsprechende Qualifizierungsprogramme anzubieten", erklärt der Fachbereichsleiter für Weiterbildung, Thomas Stuckert.

Rund 2.000 Menschen werden derzeit vom Beschäftigungsträger NEUE ARBEIT für den Arbeitsmarkt fit gemacht – in Berufsvorbereitungskursen, Bewerbungstrainings und eigenen Betrieben. Hinzu kommen zehn Sprach- und Integrationskurse, die rund 160 Flüchtlinge besuchen. Tendenz steigend. Mit dem Essener Aluminiumhersteller Trimet, einem großen Unternehmen, das 2.900 Mitarbeiter beschäftigt, hat die Neue Arbeit gerade ein weiteres Projekt gestartet. Ab Herbst startet Trimet ein Ausbildungsprogramm für 22 junge Flüchtlinge in der Metallverarbeitung. Die ersten zwei Gruppen werden dafür gerade sprachlich geschult. Insgesamt möchte die Firma 66 junge Flüchtlinge in drei Jahren ausbilden.

 

Gruppenbild mit vielen Damen: Die "Wegbereiter"

Wegbereiter sind selbstbewusste Frauen

Der Unterricht findet in evangelischen Gemeindehäusern statt. Die Wegbereiter werden Tür an Tür mit den künftigen Azubis unterrichtet. Zwei Monate lang erhalten sie von Dozentin Eliza Kenzy und Sozialpädagogin Violaine Dobel Informationen zum aktuellen Asylrecht, werden auf die Zusammenarbeit mit den örtlichen Behörden vorbereitet und erlernen Grundlagen der interkulturellen Kommunikation. "Wer dolmetscht, sollte auch wissen, welche kulturellen Unterschiede eine Rolle spielen", sagt Dozentin Eliza Kenzy. Dazu gehört etwa ein unterschiedliches Verständnis von Zeit, von Individuum und Gemeinschaft oder von Geschlechterrollen.

"Viele Leute in Deutschland denken, dass in unseren Heimatländern die Frauen unterdrückt werden", sagt Shadi. Der 35-jährige Syrer floh vor 16 Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland. "Aber so einfach ist es nicht. In unseren Ländern gibt es große Unterschiede zwischen dem Leben in der Stadt und auf dem Land." Im Wegbereiter-Kurs hat Shadi mit zehn selbstbewussten Frauen aus dem Irak und Iran zu tun, die schon seit mindestens neun Jahren in Deutschland leben. Alle haben Kinder erzogen und konnten in ihren erlernten Berufen nicht arbeiten.

Den starken Frauenüberschuss bei den Wegbereitern wertet Thomas Stuckert als ein positives Zeichen. Unter den Zuwanderern bemühten sich immer mehr Frauen um eine gute berufliche Qualifikation, beobachtet Stuckert. Und sie geben diese Sicht auf die weibliche Rolle in Familie und Gesellschaft auch an ihre Landsleute weiter.

 

Möchte sich besonders um Flüchtlingsfrauen kümmern: Sara

Stolz auf deutschen Integrationswillen

"Mir liegt die Situation der Frauen und Kinder, die jetzt zu uns kommen, besonders am Herzen", bestätigt Sara (Name geändert). Die 51-jährige Fotografin aus dem Iran floh vor neun Jahren nach Essen, als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. "Ich habe mich sehr alleine gelassen gefühlt", gibt sie zu. Obwohl sie fließend Persisch, Türkisch und Englisch spricht und eine Ausbildung zur Bürokraft gemacht hat, fand sie keine feste Stelle. Die Schulung zur Wegbereiterin ist für sie eine Chance, ihrem Traumjob als Dolmetscherin näher zu kommen.

"Die Flüchtinge sollen es heute leichter haben als wir", wünscht sich die 44-jährige Sultana, die vor 16 Jahren aus Bagdad flüchtete. Die Chancen dafür stehen ihrer Ansicht nach gut, meint sie. "Ich bin wirklich stolz auf meine neue Heimat Deutschland", sagt Sultana. "So lange hat man sich hier nur wenig um Integration bemüht, aber jetzt tut Deutschland unglaublich viel."

Sabine Damaschke

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