8. Januar 2016

Reportage

Ort der Hoffnung und Zuflucht - Das Café Welcome in Aachen

Jeder ist willkommen: Wandbild im Aachener Café Welcome

Die ersten Stunden in Deutschland sind für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge oft voller Angst und Spannung. Wenn sie von der Bundespolizei an der Grenze aufgegriffen werden, müssen sie warten, bis ihre Papiere kontrolliert sind und das Jugendamt sie in eine Einrichtung der Jugendhilfe bringt. In Aachen hilft das bundesweit einmalige Café Welcome den Flüchtlingen, die Wartezeit zu überbrücken.

Schüchtern und unsicher betritt ein junges Mädchen den Raum des Café Welcome in Aachen. Sie heißt Aysha, kommt aus Somalia und hat den langen Weg der Flucht nach Deutschland ganz allein hinter sich gebracht. Nun besitzt sie nur noch das, was sie bei sich trägt: einen kleinen Rucksack mit persönlichen Habseligkeiten. Simon Horbach, der hier seit September sein Freiwilliges Soziales Jahr macht, geht auf Aysha zu. Er spricht ruhig und freundlich auf Englisch mit ihr.

Informationen, Zuspruch und Unterstützung sind jetzt nötig. "You are welcome!" steht auf einem großen Wandbild. Ein Spruch, der in diesem Café Programm ist. Schnell wird ein Dolmetscher bestellt, der die Sprache des Mädchens spricht. "An manchen Tagen kommen über Nacht zehn bis zwölf neue Jungen an. Hier werden fast nur männliche Flüchtlinge aufgenommen, Mädchen sind ein absoluter Einzelfall", erzählt Horbach. Er ist zuständig für die Erstaufnahme von neuen jungen Flüchtlingen im Café Welcome des Zentrums für soziale Arbeit Aachen, für die erste Versorgung und Weitervermittlung.

 

Mutmacher für die Flüchtlinge: Günter Kriescher und Peter Pankoke (v.l.)

Essen, frische Kleidung, eine Dusche

Aachen gilt als ein Knotenpunkt, an dem besonders viele minderjährige Flüchtlinge ohne erwachsene Begleitung ankommen. Knapp 700 junge Menschen hat die Stadt bisher in Obhut genommen. "In Stunden voller Angst und Anspannung, oft auch Müdigkeit, stehen junge unbegleitete Flüchtlinge, die von der Bundespolizei aufgegriffen werden, vor einer ungeklärten Zukunft", stellt Teamleiter Günter Kriescher die Situation dar.

Das Café Welcome ist für sie ein Ort der Hoffnung und der Zuflucht. Hier treffen sie auf Menschen, die sie alters- und situationsabhängig beraten und begleiten, ihnen in dieser schweren Phase zur Seite stehen. Frische Kleidung, eine Dusche, ein Bett sowie ein gedeckter Frühstückstisch signalisieren ein herzliches Willkommen. "Oft sind es die kleinen Dinge, die Mut machen: Es wird gemeinsam gegessen, erzählt und gespielt. Wären die Jugendlichen nicht hier, würden sie hilflos auf den Gängen im Jugendamt sitzen", erklärt Peter Pankoke, Teamleiter für Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und Inobhutnahme.

 

Erste Informationen und Sprachkurse: Mymoena und Simon engagieren sich für die Flüchtlinge

Sprachkurse und Nachhilfe sorgen für schnelle Integration

Gegründet wurde das Café im Juni 2014 vom Zentrum für soziale Arbeit in Aachen. Die Einrichtung der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe wird vom Evangelischen Frauenverein Aachen getragen, einem Mitglied der Diakonie RWL. Es sind vor allem engagierte Ehrenamtliche, die den Jugendlichen helfen, die Wartezeit zu überbrücken, bis die Mitarbeiter der Jugendämter, des allgemeinen Sozialen Dienstes und gegebenenfalls Dolmetscher sich ihres Falles annehmen können.

Da Sprache der Schlüssel zu gelungener Integration ist, bietet das Zentrum auch Sprachkurse für die jungen Flüchtlinge an. Seit einem halben Jahr unterrichtet die Studentin Mymoena ein- bis zweimal pro Woche sechs Flüchtlingsjungen aus Afghanistan und Afrika. Die 28-jährige junge Frau stammt aus Südafrika und lebt seit 2012 in Aachen, wo sie mittlerweile im dritten Semester Soziale Arbeit studiert. Als Südafrikanerin beherrscht sie die englische Sprache perfekt.

"Ich bin selbst Migrantin und gebe gerne etwas zurück, versuche, andere zu motivieren und ihnen ein positives Beispiel zu geben", erzählt sie. "Die deutsche Sprache ist schwer, man soll nicht aufgeben." Auch Medizinstudentin Larissa Hube gibt den jungen Flüchtlingen, die im Café Welcome betreut wurden, Nachhilfe. "Ich habe mit der 19-jährigen Fatomumouta aus Guinea gearbeitet, die mittlerweile ihren Abschluss macht. Nun helfe ich ihr Bewerbungen zu schreiben", erzählt die 23-jährige Studentin stolz.

 

Detlef Röper hilft den Analphabeten unter den Flüchtlingen

Enge Kooperation mit Kirche und Diakonie

Zu den vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern des Café Welcome gehören nicht nur junge Leute. Barbara Güldenpfennig ist Lehrerin im Ruhestand. Sie betreut seit einem halben Jahr den 18-jährigen Mussa Mali, der die internationale Förderklasse der Hauptschule Kronenberg besucht. Hausmann Detlef Röper besucht zweimal pro Woche die Jungen in der Wohngruppe an der Karl-Marx-Allee. "Ich kümmere mich besonders um die noch nicht beschulten Flüchtlinge, die ohne Beschäftigung den Vormittag verbringen, während die anderen im Unterricht sitzen", berichtet er. "Ich bringe ihnen Buchstabe für Buchstabe das Alphabet bei."

Viele ehrenamtliche Mitarbeiter kommen aus der evangelischen und katholischen Kirche vor Ort. Die Kooperation zwischen Kirche, Diakonie und dem Zentrum für soziale Arbeit ist eng. So hat die Evangelische Kirchengemeinde erst im Herbst vergangenen Jahres ein altes Pfarrhaus in ein Wohnheim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge umgewidmet, die dort vom Zentrum für soziale Arbeit betreut werden. Die Evangelische Stiftung für Kirche und Diakonie in Kirchenkreis Aachen unterstützt verschiedene Projekte des Zentrums, darunter das Café Welcome. "Wir bekommen keine öffentliche Förderung, sondern finanzieren uns ausschließlich über Spenden", betont Teamleiter Günter Kriescher. Und mit eben solchen Spenden sorgen viele Aachener Bürger dafür, dass Mädchen wie Aysha einen Ort der Hoffnung und der Zuflucht finden.

Text und Fotos: Nina Krüsmann

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