22. Januar 216

Wohnungslosenhilfe

Bei Kälte kämpfen Obdachlose ums Überleben

Jan Orlt

Der Winter ist doch noch gekommen. 40.000 Menschen leben in Deutschland auf der Straße – 2.400 in NRW. Sie übernachten im Freien, auf Parkbänken, in Hauseingängen und U-Bahn-Tunneln. Bei Kälte, Feuchtigkeit und Frost wird der tägliche Kampf ums Überleben für sie immer schwieriger. "Wir brauchen ein Klima der Achtsamkeit gegenüber den Betroffenen, um die akute Not der Wohnungslosen bei Kälte zu lindern", so Jan Orlt von der Diakonie RWL im Interview. Dabei seien Kommunen, aber auch einzelne Bürgerinnen und Bürger gefragt.

In Deutschland wird es in diesem Winter jetzt doch kälter. Jedes Jahr erfrieren Menschen ohne Wohnung. Wie helfen diakonische Einrichtungen Obdachlosen jetzt bei der Kälte?

Dort, wo es ausreichend Einrichtungen für Wohnungslose gibt – zum Beispiel in Ballungszentren –, sind die Mitarbeiter der Wohnungslosenhilfe sensibilisiert und kümmern sich. Sie kennen die Stellen, wo Wohnungslose Schlafplätze suchen und schauen nach. Tagesaufenthalte für Obdachlose haben länger geöffnet. Kritisch ist die Situation für Wohnungslose auf dem Land. Es gibt immer noch Landkreise, in denen es zu wenig oder gar keine Beratungsstellen für Wohnungslose gibt. Hier ist nicht sichergestellt, dass die Menschen, die auf der Straße leben, im Blick sind und sie im Winter ausreichend versorgt werden. Wir appellieren an die Kommunen, aber auch an die Bevölkerung, besonders aufmerksam zu sein, wenn Menschen auf der Straße schlafen.

Es gibt Obdachlose, die psychisch und physisch nicht in der Lage sind, sich in Massenunterkünften zu behaupten. Was könnte man in den Unterkünften für Wohnungslose verbessern?

Wir setzen uns dafür ein, dass in Notunterkünften ein Mindestmaß an Privatsphäre geschaffen wird, zum Beispiel durch Trennwände oder kleinere Räume. Und es braucht in den Notunterkünften ausreichend Personal. Obdachlose sind oft Menschen, die auch woanders nicht klarkommen. Deshalb braucht es ausreichend Personal, das Streit schlichtet und bei Problemen oder Diebstahl weiterhilft.

Wie muss obdachlosen Frauen geholfen werden?

Frauen haben andere Strategien als Männer. Obdachlose Frauen haben meistens bessere Netzwerke und suchen sich Hilfe. Männer fragen irgendwann keinen mehr und landen dann auf der Straße. Bis Frauen auf der Straße leben, dauert es länger. Das Problem für wohnungslose Frauen im Winter ist, dass in den Notunterkünften die Räume nicht nach Männern und Frauen getrennt sind. Es wäre gut, wenn es in den Notunterkünften für Frauen eigene Schutzräume geben würde.

Gerade jetzt im Winter begegnen wir in U-Bahn-Schächten, Parks oder Hauseingängen Obdachlosen, die dort in der Kälte schlafen. Was sollte und kann ich tun, um ganz konkret zu helfen?

Wenn man auf Obdachlose trifft, die im Winter auf der Straße schlafen und man in Sorge ist, dass sie erfrieren könnten, dann sollte man die Polizei verständigen bzw. die Telefonnummern 110 und 112 wählen. Die Polizei ist in solchen Fällen zuständig und kümmert sich um die Menschen. Sie bringen sie in die Notunterkünfte oder nehmen Kontakt zu den zuständigen Beratungsstellen für Wohnungslose auf.

Zurzeit entstehen viele Initiativen, die sich für Flüchtlinge engagieren. Haben Sie das Gefühl, dass die Unterstützung für Obdachlose darunter leidet?

Wir merken, dass die Spendenbereitschaft zurückgeht, zum Beispiel gibt es bei uns weniger Kleiderspenden. Auch ist der Wohnungsmarkt total zu und Obdachlose haben größere Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche. Gleichzeitig spüren wir in den Beratungsstellen unter den Obdachlosen Neid, Angst, aber auch die Sorge zu kurz zu kommen. Wir haben die Sorgen der Obdachlosen im Blick und setzten uns für sie ein.

Das Gespräch führte Sabine Portmann.

Zurück zur Liste