31. Mai 2012

Diakonie-Vorstand Professor Becker: Verdrängung der Armen aus der Öffentlichkeit hat System

"Wir sollten uns nicht verkämpfen um zu zeigen: wir sind besser als andere. Hauptsache, wir sind gut."
Interview mit Professor Dr. Uwe Becker am Rande der Synode

„Die Politik konzentriert sich nur noch auf diejenigen, die relativ leicht in den Arbeitsmarkt vermittelbar sind. Die anderen werden aus der öffentlichen Aufmerksamkeit entlassen in die desolate Sphäre des Privaten“, so der Vorstand der Diakonie Rheinland-Westfbalen-Lippe e.V., Professor Dr. Uwe Becker. Die zunehmende Ausgrenzung der Schwächsten in der Gesellschaft habe seit Jahren System in der Sozialpolitik der Bundesregierung, angefangen bei den Hartz IV-Gesetzen bis hin zum aktuellen Rückbau von Fördermaßnahmen für Langzeitarbeitslose, der so genannten Instrumentenreform.

In einem Vortrag auf der Landessynode der Evangelischen Kirche der Pfalz in Bad Herrenalb forderte Becker, dass sich Politiker mehr für die Folgen von Armut interessieren. „Menschen in Armut beklagen nicht nur die materielle Not ihrer Existenz. Sie verlieren nicht nur Kaufkraft, sondern auch Mobilität, soziale Beziehungen, Lebenszugänge und die Möglichkeit, mithalten zu können.“ Die Folge sei ein Rückzug ins Private. Die Privatsphäre der Ausgegrenzten aber sei kein Ort der Geborgenheit, sondern der Isolation. „Langzeitarbeitslose und von Armut betroffene Menschen besitzen tendenziell nichts mehr, was sie ‚ihr Eigen‘ nennen können. Bei ihnen ist das, was im Kern Privatheit ausmacht – nämlich das Privateigentum –, verzehrt und die Quelle des Privateigentums – nämlich die Arbeit – versiegt.“, so Becker.

Während in Berlin seit Wochen ergebnislos über die Einführung eines Betreuungsgeldes für Gutverdienende diskutiert wird, werden Mitarbeitende der Diakonie in ihrer täglichen Arbeit immer massiver mit den Folgen von Armut konfrontiert. Als fatale Folgen der „Instrumentenreform“ werden Sozialkaufhäuser, Möbellager und Stadtteilprojekte geschlossen sowie Beschäftigungs- und Qualifizierungsprojekte aufgegeben. „Auch die Zahl der Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen ist erschreckend hoch“ erklärte Becker. Fast ein Viertel aller Beschäftigten arbeiten zu einem durchschnittlichen Stundenentgelt von 6,50 Euro. „In Rheinland-Pfalz hat die Initiative Mindestlohn geradezu Hungerlöhne in Höhe von 5,20 Euro im Bewachungsgewerbe und sogar nur 4,30 Euro im Handel ermittelt.“
Man müsse kein kluger Analytiker sein, sagte Becker, um zu prognostizieren, „dass dieses Entgeltniveau ein Vorzeichen massiver Altersarmut ist. Diese wird mit der Verlängerung des Renteneintrittsalters noch verschärft. Private Vorsorge können sich diese Menschen gar nicht leisten.“

Professor Dr. Uwe Becker, der auch Mitglied der Leitungskonferenz des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche in Deutschland ist, hielt auf Einladung der Pfälzischen Landeskirche den Hauptvortrag auf der Landessynode am 31. Mai 2012 in Bad Herrenalb unter der Überschrift „Bedrängnisse und Perspektiven – Diakonie im gesellschaftlichen Wandel“. Die Synode der Evangelischen Kirche der Pfalz hatte den Schwerpunkt „Diakonisches Handeln“. Im vergangenen Jahr hatte Becker für den Diakonie-Bundesverband das Buch „Perspektiven der Diakonie im gesellschaftlichen Wandel“ herausgegeben.

 

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