21. Dezember 2015

Inklusion - Gute Beispiele

Raus aus dem Heim, rein ins Leben - Wo sich Senioren mit und ohne Behinderung treffen

Rolf Schulz geht gerne aus

Viele Senioren sind in Zeiten groß geworden, in denen behinderte Menschen noch versteckt wurden oder separiert in großen Heimen lebten. Kontakte gab es kaum. Heute möchten auch Senioren mit Behinderung am normalen Leben teilhaben. Damit Inklusion für ältere Menschen kein Fremdwort bleibt, hat die Evangelische Stiftung Hephata neue Modelle des Wohnens und der Freizeitgestaltung entwickelt.

Für diesen Nachmittag hat Rolf Schulz sich schick gemacht. Mit Lederweste und Hemd sitzt der 78-jährige Rentner am weihnachtlich gedeckten Tisch des Seniorencafés und swingt verhalten zu den Klängen der Jazz- und Gospelmusik, die den alten Menschen im Mönchengladbacher Stadtteil Bettrath diesmal geboten wird. "Ich bin heute das erste Mal dabei", erzählt. "Es ist schön, andere Leute zu treffen. Deshalb gehe ich auch noch jeden Tag in die Stadt, wenn es nicht gerade regnet."

Von Arnulf Weichert und Lothar Pilz hat Rolf erfahren, dass es sich lohnt, an der monatlichen Veranstaltungsreihe "Kaffee und Musik" für Senioren mit und ohne Behinderung teilzunehmen. Die drei Rentner kennen sich aus der Evangelischen Stiftung Hephata in Mönchengladbach. Dort leben sie schon seit vielen Jahren in verschiedenen Wohngemeinschaften für Menschen mit Lernschwierigkeiten. Alle drei wissen noch, was es heißt, in einem großen Heim auf einem Anstaltsgelände zu leben, umgeben von vielen anderen Menschen mit Handicap und zahlreichen Pflegekräften.

 

Begeisterter Weihnachtsdekorateur: Lothar Pilz

Weitgehend eigenständig leben - auch im Alter

Vor knapp zwanzig Jahren hat Hephata damit begonnen, seine beiden zentralen Gelände mit Wohneinrichtungen für 542 behinderte Menschen in Mönchengladbach und 385 Menschen in Mettmann bei Wuppertal aufzulösen. Die ehemaligen "Anstaltsbewohner" leben heute in normalen Wohngebieten an 34 Orten in Nordrhein-Westfalen in überschaubar großen Häusern für 12 bis 14 Personen. Die Pflegekräfte verstehen sich als "Assistenten", die ihnen ein weitgehend eigenständiges und selbstbestimmtes Leben ermöglichen möchten. Für den Haushalt der Wohngemeinschaft sind die Menschen mit Lernschwierigkeiten selbst verantwortlich.

Sie müssen einkaufen, kochen, waschen, sauber machen. Dabei werden sie von Mitarbeitenden der Stiftung Hephata unterstützt. "Was vorher zentrale Dienste erledigten, wird damit in die Kompetenz des Einzelnen zurückgegeben", sagt Sabine Hirte, Geschäftsleiterin der Hephata Wohnen gGmbH. "So erleben die Menschen mit Lernschwierigkeiten einen ganz normalen Alltag. Sie haben Rechte und Pflichten wie andere Bürger auch." Das gilt ebenfalls für die Senioren in den Wohngemeinschaften. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten kümmern sie sich um den Haushalt. Allerdings haben sie viel mehr Zeit als die anderen Bewohner, die noch in den Werkstätten tätig sind.

 

Gisela Grüneberg-Kalesse vor der Geschenkeecke im Seniorentreff

Taktvolles Annähern der Senioren

Schon 1995 entstand deshalb der "Seniorentreff" auf dem ehemaligen Anstaltsgelände in Mönchengladbach. In einem Containerhaus treffen sich die älteren Menschen, um gemeinsam zu basteln, zu singen, zu kochen oder zu feiern. 27 Senioren nutzen derzeit das Angebot. "Sie nehmen gerne am Programm teil, sind aber auch neugierig, wie andere Senioren in unserer Stadt leben", erzählt Mitarbeiterin Gisela Grüneberg-Kalesse.

Seit einigen Jahren versuchen die Mitarbeiterinnen daher, Kontakte zu Senioren ohne Behinderung zu ermöglichen. Sie laden zu Erzählcafés und Tanztees ein oder besuchen mit einer kleinen Gruppe ihrer Senioren Gottesdienste samt anschließendem Kaffeetrinken. Seit September fahren sie einmal im Monat zu "Kaffee und Musik" ins Karl-Immer-Veranstaltungshaus nach Bettrath, das in der Nähe eines großen Seniorenstifts liegt. "Zu Anfang haben wir hier etwas alleine gesessen, aber mittlerweile sind die anderen Gäste zu uns aufgerückt", berichtet Mitarbeiterin Ingrid Netzer. "Es gibt ein taktvolles Annähern."

Die 84-jährige Charlotte wundert das nicht. Sie wohnt seit Frühjahr im Seniorenstift und kommt regelmäßig zur "Kaffee und Musik"-Veranstaltung. Vor 25 Jahren arbeitete sie in der Nähstube auf dem Zentralgelände der Stiftung Hephata in Mönchengladbach. "Meine Generation hatte in der Regel nichts mit behinderten Menschen zu tun", sagt sie und fügt mit einem Lachen hinzu: "Aber ich finde, dass wir uns im Alter mit unseren gesundheitlichen Beschwerden und unserem Interesse an alten Schlagern, Kaffee und Kuchen annähern."

 

Plädiert für Geduld und gute Ideen: Sabine Hirte

Inklusion mit viel Phantasie und guten Netzwerkpartnern

Dass Inklusion im Alter besser gelingt, kann Sozialpädagogin Sabine Hirte allerdings nicht bestätigen. "Diese Generation hatte in der Regel wenig Begegnungsmöglichkeiten",  sagt sie. "Und wenn es Begegnung gab, dann war sie von Mitleid geprägt und davon, dass man für die ´armen Kranken´ spendete, um die sich andere kümmerten." Viele Senioren mit Behinderung wiederum seien ihr Leben lang als unmündige Kinder behandelt worden und daher nicht so selbstbewusst wie junge Menschen mit Lernschwierigkeiten, die Teilhabe an der Gesellschaft einforderten. "Wenn wir Inklusion gestalten, müssen wir Geduld haben und dürfen nichts überfrachten."

Viel Phantasie und gute Netzwerkpartner im Sozialraum – so lautet das Konzept von Hephata, um Inklusion für alle Generationen möglich zu machen. Die Grundlage dafür bilden die kleinen ambulant betreuten Wohneinheiten in verschiedenen Stadtvierteln. "Möglichst viele Begegnungsmöglichkeiten zwischen Menschen mit und ohne Behinderung zu schaffen, ist der Schlüssel", betont Sabine Hirte.

Von diesen Begegnungen profitieren nach Ansicht Charlottes alle Senioren. "Die Menschen mit Behinderung, die ich kennengelernt habe, sind so freundlich und ehrlich, davon können auch wir Alten noch viel lernen."

Sabine Damaschke

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