12. Februar 2016

Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien

Vergessenen Kindern eine Stimme geben

Helga Rothenpieler

Jedes sechste Kind wächst in Deutschland bei suchtkranken Eltern auf. Viele werden später selbst abhängig und psychisch krank. Ab Sonntag macht eine Aktionswoche auf die schwierige Situation dieser Kinder aufmerksam. Die Beratungsstelle für Suchtkranke der Diakonie in Südwestfalen betreut sie schon seit dreißig Jahren und hat hier wegweisende Pionierarbeit geleistet. Familientherapeutin Helga Rothenpieler ist von Anfang an dabei.

Die Idee, jedes Jahr in der Woche um den Valentinstag am 14. Februar eine Aktionswoche zu veranstalten, stammt von der National „Association for Children fo Alcoholics“ (NACOA) in den USA. Die deutsche NACOA-Organisation ruft bereits zum siebten Mal dazu auf. Gehören die Kinder aus Suchtfamilien immer noch zu den vergessenen Gruppen unserer Gesellschaft?

Leider ja. Es ist zwar schon lange bekannt, dass die Folgen der elterlichen Sucht für die Kinder gravierend sind. Studien zufolge wird rund ein Drittel später selbst süchtig und ein Drittel entwickelt psychische und soziale Störungen. Die langfristigen volkswirtschaftlichen Schäden durch Krankheiten und Berufsausfallzeiten sollen sich auf über 40 Milliarden Euro belaufen. Trotzdem gibt es für die mehr als 2,6 Millionen Kinder von Suchtkranken viel zu wenig Hilfsangebote. Zwar bieten Kliniken und Beratungsstellen vereinzelt Gruppen oder Projekte für diese Kinder an, aber der Fokus in der Beratung und Therapie liegt ganz klar auf den suchtkranken Eltern. Dabei ist es nach unserer Erfahrung wichtig, das gesamte Familiensystem in den Blick zu nehmen. Und zwar von Anfang an. Es gibt aber nur wenige Suchtberatungsstellen, die wie wir "Hilfen aus einer Hand" anbieten.

Wie sieht diese "Hilfe aus einer Hand" konkret aus?

In unserer Beratungsstelle in Siegen arbeiten fünf hauptamtliche Mitarbeiter. Wir beraten suchtkranke Menschen, die zu uns kommen und Kinder haben, nicht nur alleine, sondern nehmen die Familie mit dazu. Das kann durch Einzelgespräche mit den jeweiligen Familienmitgliedern, mit der gesamten Familie, aber auch in Eltern-Kind-Gruppen geschehen. Wenn die Kinder dabei sind, arbeiten wir viel mit Rollen- und Fantasiespielen, Bewegung und Musik. Die Kinder sollen einen stimmigen Umgang mit ihren Gefühlen bekommen. Sie öffnen sich, werden mutiger und formulieren ihre eigenen Bedürfnisse.

Welchen Vorteil sehen Sie darin, verzahnt mit der ganzen Familie zu arbeiten statt eigene Kindergruppen anzubieten wie es die meisten Beratungsstellen tun?

Die Eltern profitieren nach meiner Erfahrung sehr davon. Wenn sie von den eigenen Kindern  erfahren, wie diese ihr Suchtverhalten erleben und daran leiden, schärft das die Wahrnehmung für ihr Kind und damit für sich selbst. Zu einem hohen Prozentsatz stammen ja auch die Eltern aus Suchtfamilien und erkennen sich in den Rollen, die ihre Kinder einnehmen, wieder. Sie sehen plötzlich ihre eigenen Verletzungen und die innerliche Vereinsamung, die sie in ihrer Kindheit erlebt haben und die sie später selbst in die Sucht führte. Das stärkt bei den meisten Suchtkranken, aber auch ihren Familien den Willen, aus der Sucht herausfinden und setzt den Wachstumsprozess in Gang, der dafür nötig ist.

Welche Rollen sind denn typisch für Kinder aus Suchtfamilien?

Es gibt nach meiner Erfahrung vier unterschiedliche Typen. Da ist das Heldenkind, das einen hohen Grad an Verantwortung in der Familie übernimmt und seinen Selbstwert stark über Leistung definiert. Es gibt den Sündenbock, der durch negatives Verhalten auffällt und früh Gefahr läuft, eine eigene Sucht zu entwickeln, das „stille Kind“, das sich in eine Traumwelt zurückzieht, im schlimmsten Fall Essstörungen und Depressionen entwickelt, und den Clown, der ständig Possen reißt und aufgrund seiner Unruhe eher als ADHS-Kind diagnostiziert wird.

Auf den Kindern aus Suchtfamilien lastet großer Druck (Foto: Paul-Georg Meister/pixelio)

Warum reagieren die Kinder so?

Sie vermissen Aufmerksamkeit und liebevolle Zuwendung. Da die elterliche Sucht die Situation zuhause ständig beeinflusst, bleibt kein ausreichender Raum für die Bedürfnisse der Kinder. Sie übernehmen dann oft die Verantwortung für ihre Eltern. Ich hatte einen dreijährigen Jungen in der Beratung, der seiner alkoholkranken Mutter schon Tee brachte und sie tröstete, wenn sie mit einem Kater auf der Couch lag. Teilweise haben sie Schuldgefühle, weil sie die Sucht nicht stoppen können, teilweise entwickeln sie Wut und Ärger, weil sie sich vernachlässigt fühlen. In jedem Fall stehen diese Kinder unter einem enormen Druck, den sie auf unterschiedliche Weise ausleben.

Müssten die Jungen und Mädchen mit diesen Verhaltensweisen nicht bereits in der Schule schnell als Kinder aus Suchtfamilien auffallen?

Ich habe bislang nur wenige Lehrer erlebt, die sich mit dem Thema Sucht und deren Auswirkungen auf Kinder überhaupt beschäftigt haben. Die Gesellschaft schaut gerne weg, wenn es um alkohol- und drogenkranke Menschen geht. Damit möchte der Großteil nichts zu tun haben. Das spüren die Kinder sehr genau. Deshalb verstecken sie die Sucht ihrer Eltern so gut es geht, indem sie nicht darüber reden und keine Freunde nach Hause einladen. Teilweise versorgen sie die Eltern sogar selbst mit dem Suchtmittel, wenn der Pegel absackt und diese dann aggressiv und laut werden.

Wie können Sie den Kindern dabei helfen, sich trotz ihrer schwierigen Lebenssituation zu selbstbewussten Persönlichkeiten zu entwickeln?

Es ist wichtig, dass sie lernen, auf ihre eigenen Bedürfnisse zu achten und herausfinden, was ihnen Freude macht und sie stärkt. Dabei sollen sie durchaus sozial kompetent sein, aber lernen, sich abzugrenzen. Das hört sich leicht an, ist aber ein weiter Weg. Doch es hilft vielen Kindern zu wissen, dass sie auch noch zu uns kommen können, wenn die Beratung abgeschlossen ist. Von den rund 40 Kindern, die wir pro Jahr mit ihren suchtkranken Eltern begleiten, haben das im Laufe der dreißig Jahre, die ich in der Beratungsstelle arbeite, schon einige in Anspruch genommen. Häufig bekomme ich auch Briefe von Jugendlichen oder Erwachsenen, die als Kinder bei uns waren. Spätestens dann weiß ich, dass ich hier eine wunderbare Arbeit mache.

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