20. Dezember 2013

Für bessere Verständigung in Beratung, Therapie, Kita und Klinik: Sprach- und Integrationsmittler für NRW

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Nikolaus Immer

Die Angebote der Diakonie sind vielfältig und lebensnah. Doch wenn Unterschiede in Sprache und Kultur die Arbeit mit Migranten erschweren, stoßen die Fachkräfte oft an ihre Grenzen. Eine neue Dienstleistung hilft: die Sprach- und Integrationsmittlung. Sprach- und Integrationsmittler (SprInt) sind zertifizierte Verständigungsprofis und sorgen für eine reibungslose Kommunikation zwischen Mitarbeitern und Migranten. Einrichtungen in ganz Nordrhein-Westfallen können die Dienste über einen Vermittlungsservice buchen.

„In jeder diakonischen Einrichtung kommen Menschen mit Migrationshintergrund an, mit denen sich die Fachkräfte nur begrenzt verständigen können“, sagt Nikolaus Immer, Leiter des Geschäftsbereichs Soziales und Integration der Diakonie RWL. „Professionelle Übersetzungsarbeit ist notwendig. Hierfür gibt es die Sprach- und Integrationsmittler.“

Sprach- und Integrationsmittler (SprInt) bieten weit mehr als Dolmetschdienste für das Bildungs-, Gesundheits- und Sozialwesen. SprInt-Fachkräfte dolmetschen kultursensibel. Sie sind also darin geschult, kulturelle Missverständnisse zu vermeiden, die sie oft aus eigener Migrationserfahrung kennen. In der Sozialen Arbeit begleiten SprInt zudem eigenständig Klienten nach den Vorgaben der fallführenden Fachkraft. Die Berufsethik umfasst Schweigepflicht, Neutralität und Professionalität. Ihre umfangreichen Kompetenzen erwerben die Mittler in einer 18-monatigen Qualifizierung. Nach bestandener Prüfung erhalten sie das bundeseinheitliche SprInt-Zertifikat, vergeben von drei renommierten Hochschulen: der Alice-Salomon-Hochschule für Soziale Arbeit in Berlin, dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und der Johannes-Gutenberg Universität Mainz, Fachbereich Translationswissenschaft.

 

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Achim Pohlmann: "Verständigung nicht dem Zufall überlassen"

„Verständigung nicht dem Zufall überlassen“

„Verständigung darf man nicht dem Zufall überlassen – etwa indem man Verwandte oder gering qualifizierte Ehrenamtliche heranzieht“, meint Achim Pohlmann, Koordinator der bundesweiten Servicestelle Sprach- und Integrationsmittlung und Leiter der Migrationsdienste der Diakonie Wuppertal. In der Praxis geschieht das noch viel zu oft – dabei sind die Aufgaben für Laien meist zu verantwortungsvoll. In der Jugendhilfe geht es etwa darum, ob ein Kind in Obhut genommen wird, in der Medizin braucht der Arzt eine rechtsverbindliche OP-Einwilligung. Bei solch folgenschweren Entscheidungen muss ein Mittler nicht nur verlässlich dolmetschen, sondern auch kulturelle Zusammenhänge erklären, Vorurteile und Misstrauen ausräumen. „Hier sind speziell ausgebildete Personen gefordert“, meint Achim Pohlmann.

 

Zwei Frauen geben sich die Hand

Kita-Leiterin Barbara Kordes mit einer Sprach- und Integrationsmittlerin: „Ohne SprInt können aus kleinen Missverständnissen große Probleme werden.“

Missverständnisse vermeiden, wertvolle Zeit sparen

Dass Sprach- und Integrationsmittler eine große Hilfe sind, weiß Barbara Kordes aus eigener Erfahrung. Die Heilpädagogin leitet eine integrative Kindertagesstätte und nutzt SprInt in der Elternarbeit. "Mit einem Sprach- und Integrationsmittler können wir mit wenig Aufwand verhindern, dass aus kleinen Missverständnissen große Probleme werden. So haben wir den Kopf frei für die vielen anderen Aufgaben in unserer Einrichtung. Wir sparen einfach Zeit."
Im konkreten Fall ging es um einen spanischen Jungen, der sich aufgrund fehlender Deutschkenntnisse zunehmend isolierte. Im Gespräch erreichten die Erzieher die Mutter des Jungen nicht - sie sprach kaum Deutsch und misstraute den hiesigen Institutionen. Mit Hilfe einer Sprach- und Integrationsmittlerin konnten die Kita-Mitarbeiter Vertrauen aufbauen und erreichen, dass beide Seiten gemeinsam für das Wohl des Jungen arbeiten.

Der SprInt-Vermittlungsservice

Die Dienste der SprInt sind über den NRW-weiten Vermittlungsservice SprInt Wuppertal buchbar. In Kooperation mit den SprInt-Standorten Aachen und Essen bietet der Dienst mittlerweile über 50 Sprachen an - von Arabisch über Romanes bis Suaheli.
Zu den über 200 Kunden gehören verschiedene Beratungsstellen, Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, Kindertagesstätten sowie somatische und psychiatrische Kliniken. Die Leistungen umfassen Face-to-Face Einsätze, Telefondolmetschen, schriftliche Übersetzungen und Diversity Trainings. Bei Face-to-Face-Einsätzen kostet eine Stunde Sprach- und Integrationsmittlung 25 Euro zuzüglich Spesen. Daneben gibt es einen Frühbucherrabatt und einen Notfalltarif für kurzfristige Aufträge, die innerhalb von vier Stunden ausgeführt werden.

 

 

Die Berufsethik der Sprach- und Integrationsmittler: Schweigepflicht, Neutralität, Professionalität

Einfache und schnelle Buchung

Über eine Website ist der SprInt-Vermittlungsservice 24 Stunden erreichbar, per Telefon von 8.30 bis 17.00 Uhr und freitags bis 16.00 Uhr. Eine spezielle Software sorgt für einen reibungslosen Ablauf bei administrativen Fragen. Barbara Kordes ist überzeugt: "Die Buchung läuft schnell und problemlos. Ich finde es klasse, dass wir auch nach dem gewünschten Geschlecht des Mittlers gefragt werden, solche Faktoren sind zentral für den Beratungserfolg."

Finanzierungsmöglichkeiten

Der Bedarf an professioneller Sprach- und Integrationsmittlung liegt auf der Hand, doch wie steht es mit der Finanzierung? Im Fall von Barbara Kordes wurde der Einsatz über Mittel im Rahmen des Ausbaus zum Familienzentrum NRW bezahlt, einem Bundesprogramm. Andere Einrichtungen finden eigene Wege, die Mittler zu bezahlen.
"Sprach- und Integrationsmittlung ist eine neue soziale Dienstleistung. Es gibt noch keine Regelfinanzierung, obwohl sie dringend nötig wäre", so Nikolaus Immer. "Immer mehr Einrichtungen und Verbände richten jedoch Budgets für SprInt-Einsätze ein, da sie hierdurch Geld und Personalaufwand sparen."
Oft werden auch bestehende gesetzliche Grundlagen nicht voll ausgeschöpft - in der Kinder- und Jugendhilfe etwa ermöglichen der in SGB VIII festlegte Anspruch auf individuelle Förderung und das Partizipationsgebot in bestimmten Fällen die Übernahme von Dolmetscherkosten.
Tipps zur Finanzierung bietet auch die bundesweite SprInt-Servicestelle bei der Diakonie Wuppertal, die zentrale Anlaufstelle zu allen Fragen rund um die Sprach- und Integrationsmittlung.

Das bundesweite SprInt-Netzwerk

In NRW setzen sich sechs Partner für eine professionelle Sprach- und Integrationsmittlung ein: die Diakonie Wuppertal, das Pädagogische Zentrum Aachen, der Fachbereich Interkulturelle Orientierung/ Kommunales Integrationszentrum (ehemals RAA) Essen, die EWEDO GmbH Dortmund, die Diakonie Mark-Ruhr gGmbH in Hagen und die renatec GmbH in Düsseldorf. Sie sind Teil des bundesweiten Netzwerks Sprach- und Integrationsmittlung mit über dreißig Organisationen aus Kirche, Kommunen, Wissenschaft, NGOs und Migrantenselbstorganisationen. Das Ziel der in elf Bundesländern tätigen Partner: Migranten einen gleichberechtigten Zugang zu Gesundheits-, Sozialversorgung und Bildung ermöglichen. Dafür bilden die Partner Sprach- und Integrationsmittler aus und bauen Vermittlungsservices auf, die die Dienstleistung den Einrichtungen in der Region zugänglich machen. Auch setzen sie sich für einen staatlich anerkannten Fortbildungsberuf "Sprach- und Integrationsmittler/-in" ein.

 

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