5. Januar 2016

Inklusion - Gute Beispiele

Bahnsteig 42 - Hier kommt man zusammen

Zeitschriften, Kaffee, Kuchen und Kulturevents - All das bietet der Letmather Bahnhof in Iserlohn den Reisenden und Besuchern. Hier betreiben die Diakonie Mark-Ruhr und die Iserlohner Werkstätten ein inklusives Bistro-Café und einen Kiosk. Das Redaktionsteam des caput-Magazin der Iserlohner Werkstätten organisiert die Konzerte und Lesungen. Es beschreibt den eindrucksvollen Wandel des Letmather Bahnhofs.

Wo früher Bedienstete der Königlich-Preußischen Staats-Bahn beheimatet waren, durften wir von caput zum bisher größten gesellschaftlichen Sprung unserer Redaktionskarriere ansetzten. Von unserer in einem idyllisch-grauen Industriegebiet gelegenen ehemaligen Räumlichkeiten sind wir im April in den historischen Wartesaal der Ersten Klasse umgezogen. Das 1865 erbaute Bahnhofsgebäude wurde in diesem Jahr zum 150-jährigen Jubiläum vollständig restauriert und in Bahnsteig 42 umbenannt. Die 42 steht für die letzten zwei Ziffern der alten Postleitzahl des Stadtteils Genna, in dem der Bahnhof steht. Denn obwohl der Schienenverkehr ebenfalls noch aktiv ist, finden sich hier natürlich keine 42 Gleise – aber immerhin drei.

 

Sehr begehrt: Der Kuchen von Café-Mitarbeiterin Alicia Promnitz

Jobs für Menschen mit "besonderer Herzenswärme"

Um uns herum sind zudem weitere Arbeitsplätze für Menschen mit unterschiedlichsten Handicaps gewachsen. Der ehemalige Fahrkartenschalter fungiert nun als nostalgischer Bahnhofs-Kiosk. Hier finden nicht nur Reisende eine Versorgungsstelle für die bevorstehende Bahnfahrt. Der Kiosk bietet von der Schnuckeltüte über Zeitschriften, Tabak- und Süßwarenwaren einfach alles, was man sich als generationsübergreifender Kunde bei einem Kiosk halt so wünscht.

Geht die Redaktions-Zwischentür zum weiterhin hier beheimateten Bistro-Café auf, wird es für alle caput Mitglieder erst einmal kritisch. Denn der Duft von frischem Kaffee und Kuchen, diversen Frühstücksangeboten sowie vielen weiteren Verwöhn-Programmen für Gaumen und Nase haben bereits für reichlich redaktionelles Hüftgold gesorgt. Im Café-Inneren sowie einer großzügigen Außengastronomie werden sie hier zudem von Menschen bedient, die auch an kühleren Tagen eine besondere Herzenswärme ausstrahlen.

Ein weiteres Standbein sind die von uns organisierten Kulturevents KAB 42 (Kultur am Bahnsteig 42). Nach einem fulminanten Start dieser Reihe im Mai mit dem Musik-Duo blind & lame geben sich hier nun Hochkaräter der "Inklusions-Szene" die Klinke in die Hand. An diesen Abenden dient der Kiosk als Kulisse, aus den beiden Armen der Bahnhofshalle können sich knapp 80 Gäste bei Kultur und Catering berieseln lassen. Also keine neue "Behindertenszene", sicherlich nicht, aber halt eine andere. Eine inklusive.

 

Eine Arbeit, die Spaß macht: das "Thekenteam" des Bistro-Cafés

Tür in eine völlig neue Arbeitswelt

Der neue Standort ist natürlich nicht nur für uns als Redaktion ein Meilenstein Richtung Inklusion. Auch für die Kollegen im Kiosk und im Café öffnete sich hier eine Tür in eine völlig neue Arbeitswelt. Mit völlig neuen Arbeitszeiten. Bereits um 5.30 Uhr öffnet der Bahnsteig 42 seine Pforten. Die Vorbereitungen für Frühaufsteher und Pendler beginnen allerdings schon eine halbe Stunde früher, damit auch der erste Gast frische Ware to go oder to roll mit auf seinen Weg nehmen kann. Insbesondere an den Wochenenden tummelt sich vor Ort eine bunt gemischte Gästeschar.

Was noch bis vor kurzem – wie in vielen Bahnhofsregionen anderer Städte – nach Schmuddelecke aussah und nach öffentlicher Toilette roch, hat sich hier in Letmathe zu einem schmucken Kleinod entwickelt. Während wir diese Zeilen verfassen, fahren im gefühlten Halbstundentakt die Züge der Privatbahn Abellio sowie reichlich Güterzüge (häufig ellenlang beladen mit Autos von oder aus Ingolstadt) in den Bahnhof ein oder mit hoher Geschwindigkeit durch. Infolge moderner Fensterkunst hört man nichts, aber man nimmt alles wahr. Es herrscht stets Bewegung und Bahnhofs-Treiben. Menschen kommen und gehen!

 

Die caput-Redaktion hat im Bahnsteig 42 eine neue Heimat gefunden

Meilenstein in Richtung Inklusion

Auf diesem besonderen Bahnhof kann man Inklusion nun riechen, fühlen und an ihr teilhaben. Eine völlig neue Wertigkeit. Die junge Dame, das Pärchen, der junge Mann, die Schulklasse und unsere eigene Arbeit – mittlerweile eine täglich neue wundervolle Form von Alltag. Der Sprung war gewagt, hat sich jedoch mehr als gelohnt. "Für Menschen wie mich hat der allgemeine Arbeitsmarkt leider noch kein Plätzchen zu bieten. Daher ist das hier die absolute Erfüllung. Ich stehe jeden Morgen einfach wieder gerne auf", fasst es caput-Redakteurin Cathrin Illner spontan und einfach perfekt zusammen.

Und auch Guntram Schneider, ehemaliger Minister für Arbeit, Integration und Soziales in Nordrhein-Westfalen, zeigte sich im vergangenen Jahr mehr als angetan von dieser spürbaren Luft der gelebten Inklusion. In dieser Form, so der Politiker, hätte er Vergleichbares noch nicht erlebt. Ein inklusiver Ritterschlag. Der Bahnsteig 42 ist mehr als ein Arbeitsplatz. Hier kommt man zusammen. Nicht floskelhaft, sondern auf Augenhöhe. Im Alltag. Wir müssen jetzt leider aufhören, im Café gibt es frischen Käsekuchen…

Text: caput-Redaktion

Fotos: Hr. Humpert/Diakonie Mark-Ruhr

 

Zurück zur Liste