8. März

Internationaler Frauentag

Frauenhäuser - Ein Schutzort im Wandel

Foto: Wikimedia

Zum heutigen Internationalen Frauentag machen Frauenhäuser auf die Situation von Gewalt betroffener Frauen aufmerksam. Sie fordern eine bessere Finanzierung ihrer Arbeit und einen gesicherten Rechtsanspruch auf Schutz vor Gewalt für alle Frauen, die dies erlebt haben. In ihrer Arbeit nehmen die Beraterinnen zunehmend die Familie der Frauen in den Blick. In der Diakonie RWL will man dabei von systemischen Konzepten in den Niederlanden lernen.

Ein geheimer Ort, an dem Frauen fit gemacht werden, um mit ihren Kindern ein selbstständiges Leben ohne den gewalttätigen Partner zu führen – viele Jahre galt diese Maxime für die in den 1970er Jahren gegründeten Frauenhäuser. Dort lebten die vor ihren Männern geflüchteten Frauen mit ihren Kindern wie in einer Wohngemeinschaft. Sie kochten gemeinsam, hielten das Haus sauber und wurden von Sozialarbeiterinnen dabei unterstützt, die Gewalterfahrungen zu verarbeiten, sich eine neue Wohnung und einen neuen Job zu suchen – und sich möglichst von ihrem Partner zu trennen.

 

Zu viel Arbeit für zu wenig Personal

"Dieses Konzept wird heute zunehmend in Frage gestellt", beobachtet Hiltrud Wegehaupt, Referentin für Frauenhäuser und Frauenprojekte in der Diakonie RWL. Rund 350 Frauenhäuser gibt es in Deutschland, über 60 davon in Nordrhein-Westfalen. Viele Beraterinnen beobachten, dass die Frauen sich nicht in die Einrichtungen flüchten, weil sie ihren Partner dauerhaft verlassen möchten, sondern weil sie zunächst Schutz suchen und darüber hinaus die Gewalt in der Partnerschaft stoppen möchten. "Diesem Wunsch der Frauen wollen heute mehr Einrichtungen nachgehen und eine systemische Beratung für die Familie anbieten." Doch dabei stoßen sie laut Wegehaupt an Grenzen. Es fehlt an Geld und Personal.

Hiltrud Wegehaupt-Schlund

In NRW bewilligt die Landesregierung vier Stellen pro Frauenhaus, das im Durchschnitt neun Plätze für die Frauen und mindestens doppelt so viele für ihre Kinder anbietet. 2014 wurden 3.879 Frauen mit 3.844 Kindern aufgenommen. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer betrug fast zwei Monate. Für jede Frau, die aufgenommen wird, muss ein Einzelantrag für die Finanzierung gestellt werden. Eine Verwaltungsarbeit, die viel Zeit kostet. Das tägliche Leben im Haus muss organisiert werden. Die Sozialarbeiterinnen helfen bei der Verarbeitung der Gewalterfahrung, kümmern sich aber auch darum, dass die Frauen eine neue Wohnung und eventuell einen neuen Job finden. Daneben gibt es auch die notwendige Beratung und Begleitung der häufig traumatisierten Frauen.

 

Die Gewaltspirale im Familiensystem unterbrechen

Zu viel Arbeit für zu wenig Personal, beobachtet Hiltrud Wegehaupt. Ihr Blick geht deshalb in die Niederlande. Gemeinsam mit Beraterinnen der sieben Frauenhäuser, die es unter dem Dach der Diakonie RWL gibt, hat sie sich das Frauenhaus "Oranje Huis" in Alkmaar angeschaut. "Diese Einrichtung versteht sich als Beratungszentrum für die gesamte Familie", erzählt die Referentin. Hauswirtschaft und Beratungsarbeit sind getrennt, damit die Sozialarbeiterinnen sich auf die systemische Arbeit mit den Familien konzentrieren können. "Auch wenn der Vater gewalttätig war, fühlen sich die Kinder doch mit ihm verbunden und geraten in einen Loyalitätskonflikt, wenn sie ihn nicht mehr sehen können", erklärt Hiltrud Wegehaupt.

Das 2011 gegründete "Oranje Huis" löst diesen Konflikt, indem es auch den Vater in seiner Elternrolle anspricht. Mit diesem Konzept würden die Probleme für die Kinder reduziert, so die Expertin, und es werde verhindert, dass aus ihnen erneut "Opfer" würden. "Nicht selten berichten Mitarbeiterinnen der Frauenhäuser, dass die Töchter von ehemaligen Frauenhausbewohnerinnen im Erwachsenenalter selbst Schutz im Frauenhaus suchen." Es geht also auch darum, die Gewaltspirale im Familiensystem zu durchbrechen.

Als "geheimer Ort" versteht sich das "Oranje Huis" ebenfalls nicht mehr. Die Geheimhaltung, so das Selbstverständnis der Einrichtung, schwächt das Selbstbewusstsein der Frauen und Kinder. "Sie müssen sich mit ihrer Problematik verstecken und können ihr bisheriges soziales Leben nicht fortführen", gibt Hiltrud Wegehaupt zu bedenken. Zudem sei die Adresse der Frauenhäuser oftmals in den Stadtteilen bekannt, so dass die Geheimhaltung in der Praxis häufig nicht funktioniere.

 

Migrantinnen mit Kindern suchen zunehmend Schutz und Beratung in Frauenhäusern (Foto: Freie Wohlfahrtspflege NRW)

Schulungen in Flüchtlingsunterkünften

Das diakonische Frauenhaus in Herten hat das Beratungskonzept des "Oranje Huis" teilweise seit 2014 übernommen. Das Projekt arbeitet nach Beobachtung der Referentin sehr erfolgreich, aber es ist auf drei Jahre befristet. Eine Regelfinanzierung wird es danach vermutlich nicht geben. "Die Unterfinanzierung der Frauenhäuser zieht sich durch ihre ganze Geschichte", sagt Hiltrud Wegehaupt. Dabei sind sie nach wie vor für viele Frauen ein wichtiger Schutzort. Rund 18.000 Frauen in Deutschland suchen hier jährlich mit fast genauso vielen Kindern Zuflucht. Mindestens die Hälfte sind Migrantinnen. Erste Flüchtlingsfrauen haben bereits an die Türen der Einrichtungen geklopft.

Vielerorts schulen die Mitarbeiterinnen von Frauenhäusern und Frauenberatungsstellen bereits freiwillige Helfer in den Flüchtlingsunterkünften, damit die Frauen dort einen Schutzraum erhalten. Viele kommen schließlich mit Gewalterfahrungen nach Deutschland und haben Angst vor weiteren sexuellen Übergriffen in den großen Unterkünften.

Seit der Kölner Silvesternacht ist das Thema Gewalt gegen Frauen wieder in der breiten Öffentlichkeit präsent. Allerdings in einer Weise, die Hiltrud Wegehaupt bedenklich findet. "Sexuelle Gewalt ist nicht nur ein Problem unter Zuwanderern, sondern geht durch alle gesellschaftlichen Schichten und Nationen, die in Deutschland leben." Zum Internationalen Frauentag wünscht sich die Referentin daher, dass endlich mehr für den Schutz der Frauen getan wird – politisch, gesellschaftlich und finanziell.

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