26. Januar 2016

Inklusion - Gute Beispiele

"Mehr Geduld für ein Milleniumsprojekt"

Christian Dopheide

Nachholbedarf auf ganzer Linie – So scharf fiel das Urteil der UN-Kommission aus, die im vergangenen Jahr die Umsetzung der Behindertenrechtskonvention in Deutschland überprüfte. Christian Dopheide, Inklusionsexperte und Chef der Stiftung Hephata, plädiert für mehr Geduld und Zeit beim "Milleniumsprojekt" Inklusion.

Die Kritik der UN-Kommission im vergangenen Jahr war hart. Fehlt in Deutschland der politische und gesellschaftliche Wille, Inklusion konsequent umzusetzen?

Nein, so würde ich das nicht sagen. Inklusion ist ein Milleniumsprojekt, für das wir Zeit und Geduld brauchen. Schimpfen und Klagen nützt da nichts. Schließlich haben wir in Deutschland eine 150-jährige Geschichte der Exklusion, bis hin zur Ermordung von Menschen mit Behinderungen im Nationalsozialismus. Allen lebenden Generationen fehlt die Erfahrung im Umgang mit behinderten Menschen. Und wir müssen selbstkritisch zugeben, dass Diakonie und Kirche ihren Anteil daran haben, weil sie besondere Orte außerhalb der Gesellschaft für diese Menschen geschaffen haben, an denen sie sich um sie kümmerten.

Deutschland hat 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet. Seitdem reden wir nicht mehr von Integration, sondern von Inklusion. Was ist der entscheidende Unterschied?

Ganz einfach gesagt heißt Inklusion, dass Menschen mit Behinderungen dort leben, wo andere auch leben und dass sie so leben wie andere auch. Sie wollen keine besonderen Wohnheime, Schulen, Arbeitsplätze oder Freizeitangebote, in denen sie unter sich bleiben müssen. Das haben Umfragen unter unseren Bewohnern eindeutig ergeben. Sie wollen keine Rundumversorgung und Sonderbehandlung, die sie letztlich isoliert und stigmatisiert. Sie möchten nicht deshalb auffallen, weil sie eine Behinderung haben, sondern wollen – wie alle anderen auch - in ihrer Individualität wahrgenommen werden, als Menschen mit besonderen Vorlieben, Stärken, aber auch Schwächen.

Wo sehen Sie denn die Knackpunkte der Inklusion in Deutschland?

Es sind drei Sektoren, in denen es besonders hakt. Dazu gehört an erster Stelle unser Bildungssystem, das mit seinem straff gegliederten Schulsystem, Lernstandserhebungen und Zentralabitur stark auf einheitliche Leistungen setzt. Für Inklusion aber brauchen wir sehr viel mehr differenziertes Lernen und eine Vielfalt von Lernorten. Ein weiteres Problem ist der Arbeitsmarkt. Auch hier ist – genau wie im Bildungsbereich – mehr Durchlässigkeit nötig, um individuelle Arbeits- und Berufskarrieren zu ermöglichen. Wenn Menschen mit Behinderungen statt einer Lehre auch Qualifikationen in Modulen erwerben könnten, um in Betrieben arbeiten zu können, wäre ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt besser. Der dritte Knackpunkt ist das Wohnen.

Auf diesem Gebiet geht die Stiftung Hephata mit ihrem Konzept der Dezentralisierung doch mit gutem Beispiel voran.

Wir wollen, dass Menschen mit Behinderung in den Städten leben können wie andere Bürger auch. Daher bemühen wir uns, unsere Wohneinheiten so klein wie möglich zu gestalten. Schon vor zwanzig Jahren hat unsere Stiftung damit begonnen, die großen Heime auf dem Anstaltsgelände aufzulösen und kleine Wohngemeinschaften an bislang 36 Orten in NRW zu schaffen. Aber das erfordert einen hohen logistischen Aufwand. Es ist anstrengend, die Hilfsangebote entsprechend vorzuhalten. Wir müssen bei der Organisation der Haushalte assistieren, Fahrten zu den Arbeitsstellen und Werkstätten von verschiedenen Orten aus ermöglichen und auch die Freizeitgestaltung anders planen. Unser Konzept der dezentralen Unterbringung gibt es daher in dieser Konsequenz nicht so oft. Manch ein Träger sozialer Einrichtungen tut sich schwer, weil er nicht weiß, was er mit seinem alten Gebäudebestand anfangen soll. Und die meisten Kostenträger der Behindertenhilfe in Deutschland sind nicht so fortschrittlich eingestellt wie gerade der Landschaftsverband Rheinland.

Voraussichtlich Ende 2016 soll das sogenannte Bundesteilhabegesetz verabschiedet werden. Was erhoffen sich die diakonischen Einrichtungen davon?

Dieses Gesetzesvorhaben ist so oft verschoben und diskutiert worden, dass wir nicht mehr allzu große Hoffnungen hineinsetzen. Eine Herauslösung der Behindertenhilfe aus der Sozialhilfe, wie wir sie seit Jahren anstreben, wird es wohl nicht geben. Aber ich hoffe doch, dass es wenigstens in Teilen zu einer anderen Finanzierung kommen kann. Das jetzige Modell fördert immer noch die exklusiven Heimstrukturen, weil eine ambulante Betreuung nur so lange erlaubt ist, wie sie nicht teurer wird als die stationäre Betreuung.

An unserer Stiftung kann man aber sehen, dass die Auflösung der großen Heime zugunsten kleiner, ambulant betreuter Wohneinheiten unter dem Strich nicht zu einer Kostenexplosion führt. Wir haben für die gesamte Konversion kein neues Budget aufsetzen müssen, sondern das ehemals vollstationär berechnete so weitergeführt, wie es bei allen anderen Trägern auch geschehen ist. Der Assistenzbedarf entwickelt sich ja. Es gibt aber auch viele Menschen mit Behinderung, die durch diese Wohnform sehr selbstständig werden und im Laufe der Zeit weniger Assistenz benötigen.

Wann sind wir für Sie am Ziel einer "inklusiven Gesellschaft" angekommen?

Inklusion heißt für mich, dass Menschen mit Behinderung in den verschiedenen Systemen unserer modernen Gesellschaft eine Rolle spielen können. Heute funktioniert Gesellschaft ja ganz anders als in früheren Zeiten. Damals gab es auch Inklusion. Behinderte Menschen wohnten ihr Leben lang in der Großfamilie und halfen z.B. auf dem Bauernhof mit. Sie waren nicht isoliert, aber auch nicht frei, ein Leben nach ihren Vorstellungen zu führen. Das ist in der modernen Gesellschaft möglich, aber um anerkannt und integriert zu sein, muss man verschiedene Rollen spielen können: als Kunde, Mieter, Arbeitnehmer usw. Wenn Menschen mit Behinderung in diesen Rollen akzeptiert werden, ist für mich das Ziel einer inklusiven Gesellschaft erreicht.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

Teaserfoto: LAG Freie Wohlfahrtspflege NRW

 

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