18. Dezember 2015

Reportage

Eine Oase zum Spielen - Flüchtlingskinder lernen die Kita kennen

Emran backt Plätzchen

An eine fremde Sprache und Kultur gewöhnen sich Menschen umso schneller, je jünger sie sind. Kein Wunder also, dass Flüchtlingsfamilien ihre Kinder gerne in eine deutsche Kindertagesstätte schicken möchten. Doch die Plätze reichen längst nicht aus. In evangelischen Kitas und Familienbildungsstätten entstehen daher immer mehr Spielgruppen für Flüchtlingskinder. Sie sind ein guter Türöffner für die Integration der ganzen Familie, wie ein Beispiel aus Hamm zeigt.

Mit Begeisterung rollt der zweijährige Emran an diesem Freitagnachmittag die Backrolle über den Plätzchenteig. Dann rennt er in die Turnhalle und klettert an der Sprossenwand hoch. Die einjährigen Zwillinge Malik und Adam wippen wild in der Schaukelrolle und die dreijährige Sara fährt zufrieden auf einem Dreirad durch die Räume der evangelischen Kindertageseinrichtung Martin Luther in Hamm. „Für die Kinder ist das hier eine Oase zum Spielen“, sagt Erzieherin Ulrike Sturm. „Sie haben genug Platz und Spielzeug, um unbeschwert auf Entdeckungsreise zu gehen.“

Jeden Freitagnachmittag öffnet die Kita ihre Türen für bis zu zwanzig Flüchtlingsfamilien mit Kindern zwischen 0 und sechs Jahren, die noch keinen Platz in einer Kindertageseinrichtung gefunden haben. In die Spielgruppe kommen auch Familien aus der Nachbarschaft, die ihre Kinder an das Kitaleben gewöhnen möchten. „Diese Zusammensetzung ist uns wichtig“, betont Ulrike Sturm. „Während die Kinder hier spielen, können die Eltern miteinander ins Gespräch kommen – auch, wenn das manchmal nur mit Händen und Füßen möglich ist.“

 

Enise Kasur mit Tochter Mira

Raus aus der Enge der Unterkünfte

Enise Kavsur ist mit ihrer 16 Monate alten Tochter Mira bewusst in diese Spielgruppe gekommen, um die Flüchtlingsfamilien aus Syrien, Irak, Afghanistan oder dem Libanon persönlich kennenzulernen. Viele wohnen in einer Unterkunft, die im direkten Umfeld der Kindertagesstätte liegt. Enise Kavsurs Eltern stammen aus der Türkei. „Ich kann gut nachfühlen, wie sich die Familien fühlen und möchte gerne dazu beitragen, dass sie sich schnell in Deutschland heimisch fühlen“, betont die 24-jährige Mutter, deren jüngere Schwester bereits die Kita besucht hat.

In dem Hammer Stadtteil leben zahlreiche Einwandererfamilien. Rund 95 Prozent der Kinder haben daher einen Migrationshintergrund, zwanzig Nationen sind in der Kita vertreten. Die zehn Erzieherinnen wissen schon lange, wie Sprachförderung, interkulturelle Bildungs- und Elternarbeit funktioniert. Da lag es nahe, in dieser Kita ein zusätzliches Betreuungsangebot für Kinder aus Flüchtlingsfamilien zu starten. Sechs Millionen Euro stellt die nordrhein-westfälische Landesregierung seit Mai 2015 für diese sogenannten Brückenprojekte zur Verfügung.

„Wir waren eine der ersten Einrichtungen, die sich mit einem Brückenprojekt beworben haben“, erzählt Mechthild Haßmann, Leiterin der Familienbildung bei der Diakonie Ruhr-Hellweg in Hamm. Die evangelische Familienbildung bot zu diesem Zeitpunkt schon Sprachkurse und Spielgruppen in Hammer Flüchtlingsunterkünften an. „Aber die Kinder und Eltern sollten auch mal aus der Enge der Unterkünfte rauskommen und eine Kindertagesstätte kennenlernen.“ Da Erzieherin Ulrike Sturm auch als Kursleiterin für die Familienbildung arbeitet, war der Kontakt schnell hergestellt und ein Konzept geschrieben.

 

Mechthild Haßmann und Ulrike Sturm (v.l.)

Kinder spielen, Mütter lernen Deutsch

„Die meisten Flüchtlingsfamilien wünschen sich einen Platz für ihre Kinder in der Kita“, beobachtet Mechthild Haßmann. „Die Kinder sollen so schnell wie möglich Deutsch lernen, Freunde finden und sich in der neuen Heimat wohlfühlen.“ Über 80.000 Plätze müssen laut Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig deutschlandweit für Flüchtlingskinder geschaffen werden. Doch das kann dauern. Zwar hat auch die Kita Martin Luther zusätzliche Plätze eingerichtet, aber die Nachfrage ist deutlich höher. Die Spielgruppen in den Kitas seien daher eine gute Zwischenlösung, so Mechthild Haßmann. „Zumal wir so auch die Eltern erreichen.“

Der Pädagogin liegen dabei besonders die Mütter am Herzen. Viele kümmern sich intensiv um ihre Kinder und haben deshalb weniger Zeit als die Väter, Deutsch zu lernen. „Ich bin seit vier Jahren in Deutschland, aber spreche längst nicht so gut wie mein Mann“, erzählt Fadia Eilas, die aus dem Libanon geflüchtet ist. „Die dreijährige Sara und meine zweijährigen Zwillinge Malik und Adam halten mich auf Trab. Da komme ich kaum zum Lernen.“ Fadia besucht nun einen Sprachkurs der Familienbildung, in dem parallel eine Kinderbetreuung angeboten wird.

 

Klutgar Palwasha mit Sohn Emran

Familienbildung ist bestens vernetzt

Häufig bringen die Frauen auch Formulare in die Kita mit, die sie nicht verstehen. Dann helfen die drei Mitarbeiterinnen der Spielgruppe beim Ausfüllen oder vermitteln Hilfe. „In Hamm gibt es eine sehr gute Vernetzung zwischen vielen Einrichtungen, die für Kinder und Familien tätig sind“, erklärt Mechthild Haßmann. Auch andere Mütter wie die Afghanin Klutgar Palwasha haben Tipps parat. Sie ermuntert alle Frauen aus ihrer Heimat, sich möglichst selbstbewusst und selbstständig das Leben in Deutschland zu erschließen.

„Für viele Frauen aus Afghanistan ist es eine echte Befreiung, hier zu sein“, beobachtet sie. „Nicht nur, weil wir dem täglichen Terror entkommen sind, sondern auch der Vorherrschaft der Männer.“ In Deutschland hätten Frauen die gleichen Chancen wie Männer und das begriffen auch die afghanischen Ehemänner, die mit ihren Familien nach Europa geflüchtet seien. Mechthild Haßmann bestätigt diese Einschätzung. Sie erlebe es selten, dass Frauen von ihren Männern an dem Besuch eines Sprachkurses oder eine Spielgruppe gehindert würden. „Alle wollen möglichst schnell hier ankommen und Teil dieser Gesellschaft werden.“

Sabine Damaschke

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Migration und Flucht

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