16. Dezember 2015

Inklusion - Gute Beispiele

Tempo, Humor und Mut - Wie Inklusion in der Kita gelingt

Inklusion heißt für die meisten Eltern, dass Regelkindertagesstätten ihre Türen auch für Kinder mit Behinderung öffnen. In Marl war es umgekehrt. Hier hat die heilpädagogische Einrichtung der Diakonie im Sommer 2012 begonnen, Kinder ohne Handicap aufzunehmen. Heute gilt die evangelische Kita Arche als Vorzeigemodell eines entspannten und gleichberechtigten Miteinanders von Kindern mit und ohne Behinderung.

„In einer Kindertagesstätte ist es ohnehin sehr bunt, bei uns ist es vielleicht noch ein bisschen bunter“, sagt Tanja Trybusch, Leiterin der inklusiven Kita Arche der Diakonie in Marl. „Ich bin wirklich dankbar, dass ich erleben darf, wie die Kinder hier miteinander umgehen und sich aufeinander einstellen, so natürlich und selbstverständlich.“ Wenn man in die Einrichtung kommt, fällt als erstes auf, dass man nicht sieht, wer behindert ist und wer nicht. Die Kinder mit Hilfsmitteln, etwa einem Rollstuhl, das erkennt man natürlich. Aber sonst, alles Kinder. Klar schiebt Leon, das Vorschulkind, Karla im Rollstuhl. Auch wenn er dabei dreimal mit dem Rolli gegen den Türrahmen donnert. „Überleg mal, wie Du das schaffst, Karla direkt durch die Tür zu schieben“, schlägt Tanja Trybusch vor. „Wir haben hier keine Rezepte. Wir suchen bei Problemen gemeinsam nach Lösungen.“

 

Kita-Leiterin Tanja Trybusch

Inklusion braucht ein sensibles Tempo

Vor fünf Jahren, als die Politik sich die Inklusion auf die Agenda schrieb, da war die heutige Kita noch eine heilpädagogische Einrichtung, in der behinderte, schwerstmehrfach behinderte Kinder und traumatisierte Kinder betreut wurden. Man habe dann entschieden, die Einrichtung für alle Kinder zu öffnen, erzählt Leiterin Tanja Trybusch. „Wir hatten das Glück, dass wir mit unserer Vision unterstützt wurden.“ Nur durch eine eng verzahnte Zusammenarbeit zwischen Landesjugendamt, kommunalen Jugendämtern und der Diakonie im Kirchenkreis Recklinghausen könne man den Standard in der Einrichtung bieten, der sich in der Interdisziplinarität und der Gruppengröße spiegelt.

Und dann hat man sich auf den Weg gemacht. Schritt für Schritt wurde Begegnung gestaltet und ermöglicht. Gestartet wurde mit einem Elterncafé. Dort haben sich die Mütter und Väter der Kinder mit und ohne Behinderungen kennengelernt. „Ich bin überzeugt, Inklusion funktioniert nur, wenn man alles ansprechen darf, so habe ich das auch allen gesagt“, meint Trybusch. Während Mütter von Kindern mit schweren Behinderungen oft Angst hätten, dass ihr Kind in der Gruppe nicht genug Fürsorge erhalte, sorgten sich andere Mütter darum, ob ihr Kind in der inklusiven Kita genug lerne. „Manchmal haben mich Eltern gefragt, können wir dies oder das so sagen und ich finde, man muss über alles reden dürfen.“ Das haben die Eltern dann auch gemacht.

 

Pädagogisches Konzept überzeugt

Mittlerweile gibt zwei Kindertagesstätten, mit 100 Kindern in sieben Gruppen, die von einem interdisziplinären Team, bestehend aus Erziehern, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Heilpädagogen, aber auch jungen Menschen im Freiwilligen Sozialen Jahr betreut werden. Das Team sei sehr engagiert, neugierig und motiviert und das sei entscheidend für die Arbeit, so die Leiterin. Und das Interesse in Marl ist groß. „Wir haben eine lange Anmeldeliste und bekommen Initiativbewerbungen von Fachkräften, die bei uns arbeiten möchten. Ich glaube, unser pädagogisches Konzept überzeugt“, meint Trybusch.

Kinder spielen gerne draußen

Eltern hätten ja heute meterweise Ratgeberliteratur im Schrank, aber Erziehung sei auch instinktiv und auf diesem Weg wolle man die Eltern mitnehmen. Daher fragt Tanja Trybusch beim Elternabend, welche Momente die Eltern in ihrer Kindheit besonders schön fanden. Viele erzählen dann, dass sie gern frei draußen gespielt haben, ohne Vorgaben. Und kommen ins Nachdenken über die Erziehung heute.

„Kinder werden heute getaktet, davon wollen wir weg. Sie dürfen bei uns in vielen Bereichen und Situationen mit entscheiden“, betont die Kitaleiterin. So suchen sich die Vorschulkinder in der Kita den Namen ihrer Gruppe selber aus, der woanders oft vorgegeben ist. Dieses Jahr hätten sich die Kinder in geheimer Abstimmung für „Batman“ entschieden. „Das ist kein Name, von dem Mütter oder Erzieherinnen träumen, aber das ist Partizipation“, so Tanja Trybusch.

Auch die Schultüten werden ohne die üblichen Schablonen gebastelt. Denn manche Kinder mit Behinderungen könnten keine Blume ausschneiden. Aber auch die Kinder ohne Behinderung profitieren und sind dabei richtig kreativ. „Die Eltern merken, wie viel dahinter steckt, wenn beim Basteln keine Vorgaben gemacht werden, zum Beispiel bei der Überlegung, welches Material wähle ich, was passt noch dazu, welche Form gefällt mir oder was klebt wie“, erzählt Tanja Trybusch.

Ohne Konflikte geht es nicht

„Hier gelten nicht die gleichen Regeln für alle“, meint die Kitaleiterin. Ein Kind, das an einer starken Aufmerksamkeitsstörung leidet, könne nicht die ganze Zeit am Tisch sitzen. Aber ein Kind, dessen Mutter an Krebs erkrankt sei, brauche auch eigene Regeln. Man müsse nicht falsch Rücksicht nehmen, wenn zum Beispiel jemand ärgert, der behindert sei. „Manche Kinder mit Behinderungen können sich nur über Schreien äußern. Und das kann auch mal stören.“ Nichtbehinderte Kinder dürften auch einem Kind mit Behinderungen sagen, dass man etwas nicht möchte. „Ich rede nichts schöner als es ist. Das ist Leben und Leben ist nicht immer total rund. Man darf nicht den Humor verlieren, wenn mal was nicht klappt.“

Letztlich seien die Eltern stolz darauf, wie selbstverständlich und kreativ ihre Kinder mit Talkern, Rollstühlen oder Gebärden umgehen könnten, betont Tanja Trybusch. Und wie sie sich umeinander kümmern. Da guckt keiner. Das ist normal. Kerstin Rywoll vom Elternrat berichtet, dass ihr Sohn zu Hause neue Gebärden erfindet und diese seinem Bruder beibringt, obwohl dieser gar nicht schwerhörig ist. Aber er kennt die Gebärden aus dem Kindergarten und benutzt sie ganz selbstverständlich. Inklusion sei ein gesellschaftlicher Wandel und der beginne im Kindergarten, ist Kerstin Rywoll überzeugt. „Wir möchten einen Prozess mitgestalten, der nicht davon geprägt ist, was alles nicht geht, sondern mutig und neugierig herausfinden, was alles gehen kann“, so Tanja Trybusch.

Sabine Portmann

Zurück zur Liste