9. Februar 2016

Inklusion - Gute Beispiele

Freiwillige Helfer unterstützen die schulische Inklusion

Kristin Köhnen hilft Fabian

Zu große Lerngruppen, zu wenig Sonderpädagogen, fehlende Barrierefreiheit – Deutschlands Schulen sind für den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung schlecht ausgerüstet. Inklusion findet unter schwierigen Rahmenbedingungen statt. Immer mehr Schulen holen sich deshalb Hilfe beim Freiwilligendienst.

Daniel bekommt im Sportunterricht einen Ball an den Kopf und will nicht mehr mitspielen. Leon hält sich im Brennball nicht an die Regeln. Ein Blick von Lehrer Manfred Meybohm genügt und Christina Grieger nimmt Daniel und Leon zur Seite. Sie redet mit ihnen und motiviert sie, wieder mitzuspielen – und zwar fair. Zwei Stockwerke über ihr sitzt Kristin Köhnen neben Fabian und Keril und hilft ihnen beim Multiplizieren. Dann schaut sie auch den anderen Kindern über die Schulter, schlichtet kleine Streitereien, tröstet und ermutigt.

Die beiden 20-jährigen Frauen machen ihr freiwilliges soziales Jahr in zwei verschiedenen Integrationsklassen der Martini-Hauptschule in Wesel. Dort werden Gruppen von fünf bis sechs Kindern mit Behinderungen gemeinsam mit den anderen Schülern in insgesamt fünf Klassen unterrichtet.

 

Gute Freunde: Ibn und Andreas (v.l.)

Luxus einer Sonderpädagogin mit 15 Stunden

Vor sieben Jahren wären die Kinder noch an verschiedene Förderschulen für geistige Behinderung, Sprach- und Lernschwierigkeiten oder sozial-emotionale Verhaltensauffälligkeiten gegangen. Heute haben sie ein Recht darauf, an einer Regelschule unterrichtet zu werden. In Deutschland gehen derzeit rund 30 Prozent der Kinder mit Behinderungen an eine weiterführende Regelschule, der Großteil von ihnen wird an Haupt- und Gesamtschulen unterrichtet.

Für den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nicht-behinderten Schülern stehen den 50 Lehrern der Martini-Hauptschule, die für 435 Schüler zuständig sind, vier Sonderpädagogen zur Seite. Da sie teilweise noch an anderen Schulen eingesetzt sind, muss Manfred Meybohm fast die Hälfte des Unterrichts in seiner Integrationsklasse ohne diese fachliche Unterstützung bestreiten. "Die Sonderpädagogin ist 15 Stunden dabei, um die Integrationsschüler zu fördern und zu betreuen", erzählt der 32-jährige Pädagoge. "Das ist schon Luxus, verglichen mit dem, was an anderen Schulen in NRW passiert."

 

Häufig allein in der Integrationsklasse: Lehrer Manfred Meybohm

Einsatz von Freiwilligen hat lange Tradition

Für seine Integrationsklasse hätte sich Meybohm zwei Fachkräfte als Klassenlehrer, bestehend aus ihm und der Sonderpädagogin, gewünscht. Eine Forderung, die Schulen und Gewerkschaften schon lange an die Politik stellen. 98 Prozent der Lehrer halten diese Doppelbesetzung laut einer Umfrage des Verbandes Erziehung und Wissenschaft für eine entscheidende Voraussetzung, damit Inklusion an den Schulen gelingt. Doch dafür fehlen nach Gewerkschaftsangaben allein in NRW rund 7.000 Sonderpädagogen.

Seit 1998 bietet die Martini-Hauptschule Integrationsklassen an. Schon damals wurden dafür Zivildienstleistende eingesetzt. Heute arbeitet die Schule mit jungen Leuten aus dem Freiwilligendienst. Inzwischen tun dies immer mehr Schulen. Rund 200 Freiwillige der Diakonie RWL sind mittlerweile in der Schulbegleitung eingesetzt, doppelt so viele wie vor drei Jahren. "Wir haben gute Erfahrungen mit den Freiwilligen gemacht", erzählt Konrektorin Ingrid Kempken-Weuster. "Sie sind meistens sehr motiviert und beliebt bei unseren bekommen Schülern."

 

Christina Grieger mag ihre Arbeit an der Schule, auch wenn´s oft anstrengend ist

Alle Schüler sind gleich

Learning by doing heißt dabei das Motto. Viel habe sie sich von Lehrer Manfred Meybohm abgeschaut, erzählt Christina Grieger, die seit 1,5 Jahren an der Schule arbeitet. Die erste Zeit in der Integrationsklasse sei ganz schön anstrengend gewesen, gibt sie zu. Es habe einfach gedauert, bis sich alle Kinder an die Verhaltensregeln und Rituale gewöhnt hätten. "Doch Herr Meybohm blieb immer ruhig und konsequent, hat jedes Kind im Blick gehabt und je nach Lernniveau unterschiedliche Aufgaben verteilt." Mittlerweile ist die Klasse zusammengewachsen. „Wir helfen einander immer und halten zusammen“, betont der 13-jährige Benjamin stolz. "Für uns ist total egal, wer Integrationsschüler ist und wer nicht."

Genau so soll es laut Konzept der Hauptschule auch sein. Natürlich falle den Kindern auf, dass die Integrationsschüler kein Zeugnis mit Noten, sondern eine Beurteilung erhielten und meist auch andere Arbeitsblätter bekämen. "Aber ich unterrichte sie möglichst viel gemeinsam, damit eine Klassengemeinschaft entsteht", erklärt Lehrerin Karin Clemens, die die Integrationsklasse in Stufe 5 leitet. Auch sie wird stundenweise von einer Sonderpädagogin begleitet.

 

Lehrer sollten besser auf Inklusion vorbereitet werden, meint Karin Clemens

Gutes Zeugnis für engagierte Lehrer

"Ich liebe meine Arbeit in der Integrationsklasse, aber ich kann nicht allen Kindern so gerecht werden wie ich es gerne hätte." Karin Clemens wünscht sich mehr Unterstützung durch Sonderpädagogen, mehr Lehrerfortbildungen und eine bessere Vorbereitung auf die schulische Inklusion im Studium. Seit August wird die 30-jährige Pädagogin in ihrer Integrationsklasse von Kristin Köhnen unterstützt. Das sei ein echter Glücksgriff, betont sie.

Kristin Köhnen stellt den Lehrern der Martini-Hauptschule ebenfalls ein gutes Zeugnis aus. "Sie sind unglaublich geduldig und engagieren sich sehr für ihre Schüler." Nach dem FSJ möchte sie soziale Arbeit oder Sonderpädagogik studieren. Auch Christina Grieger wollte erst Sonderpädagogin werden. Doch inzwischen hat sie sich für eine Ausbildung in der Altenpflege entschieden. "Das hätte ich mir vor meinem FSJ nicht vorstellen können", gibt sie zu. "Aber ich habe mich verändert, bin heute viel geduldiger. Ich mag es, andere Menschen, die Hilfe brauchen, zu unterstützen."

Die Kinder freilich finden diese Entscheidung gar nicht gut. "Frau Grieger ist viel cooler drauf als die Lehrer", meint der 13-jährige Daniel. "Wir wollen nicht, dass sie geht. Ohne sie macht Schule bestimmt nicht mehr so viel Spaß."

Sabine Damaschke

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