8. Dezember 2015

Reportage

Nur einen Klick entfernt - Neue App erklärt jungen Flüchtlingen Deutschland

Zaker hat die neue App schon auf seinem Handy

Ein Busticket ziehen, das Jugendamt finden, eine Limonade bestellen – all das ist für junge Flüchtlinge eine große Herausforderung. Ihr Handy kann ihnen dabei künftig helfen. Die evangelische Jugendhilfe Godesheim in Bonn entwickelt gerade ein Internetportal, das unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen als Wegweiser durch ihre Stadt, die deutsche Sprache und Kultur dient.

Auf der Flucht aus Afghanistan hat der 17-jährige Zaker nur zwei persönliche Gegenstände retten können: sein Smartphone und den grünen Silberring, den ihm sein Vater zum Abschied schenkte. Drei Monate war er nach Deutschland unterwegs und wäre beinahe an der iranisch-türkischen Grenze erschossen worden. Jetzt ist Bonn seine neue Heimat, das Jugendamt sein gesetzlicher Vormund und Yasemin Mentes seine Betreuerin in einer Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge der evangelischen Jugendhilfe Godesheim.

„Ich bin angekommen und sehe wieder eine Zukunft für mich“, erzählt er. „Aber sich in der neuen Stadt zurechtzufinden, war ganz schön schwer.“ Als er am Bonner Hauptbahnhof ankam, wusste Zaker nicht, an wen er sich wenden sollte. Er bat die Polizei um Hilfe – und hatte dabei Angst, dass sie ihn direkt ins Gefängnis sperren würde. „Das soll anderen Flüchtlingen nicht passieren“, betont er. „Deshalb helfe ich bei Stadtgrenzenlos mit.“

 

Reisen mit Bus und Bahn - die App erklärt, wie´s geht

Strichmännchen im Jugendamt

Stadtgrenzenlos – So heißt das Internetportal für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, das die Evangelische Jugendhilfe Bonn seit gut einem Jahr entwickelt. Junge Flüchtlinge, ehrenamtliche Mitarbeiter und Betreuer der Wohngruppen stellen ein App zusammen, die den Jugendlichen aus dem Ausland helfen soll, sich in Deutschland zurechtzufinden.

Dabei setzt die neue App, die im Januar 2016 an den Start geht, auf zwei Ebenen an. Zunächst verschafft sie den Jugendlichen einen verständlichen Überblick über ihre rechtliche Situation als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Anschließend folgt eine lokale Ebene, die den Jugendlichen den Zugang in die jeweilige Stadt, die ihnen mit dem neuen Verteilungsgesetz zugewiesen wird, erleichtern soll. Neben den wichtigsten Ansprechpartnern, Adressen, Karten und Lernmaterialien findet sich hier auch eine „Sprachmittlerfunktion“, die erste Kontakte im neuen Umfeld vereinfachen soll. Das Projektteam hat die lokale Ebene am Beispiel Bonns entwickelt.

Auf der überregionalen Ebene werden komplexe Themenfelder wie rechtliche Zuständigkeiten, das System der Jugendhilfe und der Schule in Form von fünfminütigen Erklärvideos vorgestellt. Es gibt kleine Sprachkurse zum Thema Essen, Gesundheit oder Freizeit mit konkreten Alltagsbeispielen. In acht verschiedenen Sprachen erklären Strichmännchen, wer im Jugendamt sitzt, warum der deutsche Arzt bei der Gesundheitsuntersuchung Blut abnimmt und dass es ein sozialer Beruf ist, Betreuer einer Wohngruppe zu sein.

 

Hatten die Idee für die App: Jan Graf und Yasmine Mentes

Missverständnissen vorbeugen

„Ich habe zuerst gedacht, unsere Betreuerin ist eine Köchin oder Haushaltshilfe“, erzählt der 17-jährige Sairuddin. „Denn was sie macht, das tun bei uns in Afghanistan die Schwestern.“ Betreuerin Yasemin Mentes nimmt es mit Humor. „Ich bin nicht dafür zuständig, die Hausarbeit in der Wohngruppe zu erledigen“, stellt sie klar. „Das musst du schon zusammen mit den anderen Jugendlichen machen.“ Sairuddin hat das längst akzeptiert. Jeden Tag, nachdem er seine Schularbeiten erledigt hat, hilft er im Haushalt. Yasemin bezeichnet er trotzdem gerne als „Schwester“, „weil sie immer für uns da ist“.

Im Erklärvideo zum Thema „Betreuer“ wird also genau dieses Missverständnis thematisiert. „Jedes Skript für ein Video besprechen wir vorher mit den Jugendlichen“, erzählt Jan Graf. Der Stadtplaner und Ethnologe hat das Projekt ehrenamtlich mitaufgebaut. Er hatte gemeinsam mit seinem Vater, dem Geschäftsführer der Evangelischen Jugendhilfe Godesheim, Klaus Graf, und Mitarbeiterin Yasemin Mentes, die Idee für das neue Internetportal. 25 deutsche Städte und zahlreiche Jugendhilfeeinrichtungen haben bereits Interesse angemeldet, die App zu adaptieren.

Der bereits 1888 gegründete Kinder- und Jugendhilfeverband, der auch Mitglied der Diakonie RWL ist, beschäftigt knapp 400 Mitarbeitende im Großraum Köln, Bonn, Rhein-Sieg und im Kreis Ahrweiler. Derzeit betreut er rund 100 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

 

Geschäftsführer Klaus Graf

Türöffner der Integration

„Wir haben uns überlegt, wie diese jungen Menschen möglichst schnell Teil einer modernen Stadtgesellschaft werden können“, erzählt Klaus Graf. „Egal, aus welchem Teil der Erde sie kommen, alle haben ein Smartphone und kommunizieren über die sozialen Netzwerke.“

Für die Geschäftsbereichsleiterin Familie, Bildung, Erziehung bei der Diakonie RWL, Helga Siemens-Weibring, leistet die App einen wichtigen Beitrag zur Integration der jungen Flüchtlinge in die deutsche Gesellschaft. „Sie hilft den Jugendämtern und Trägern der Jugendhilfe, verschiedene Sachverhalte auf unterhaltsame Weise verständlich zu machen.“ Und dazu gehört nicht nur, den Fahrkartenautomaten am Bahnhof bedienen und verstehen zu können, welche Aufgaben ein Vormund hat.

„Die Jugendlichen haben darauf bestanden, dass wir das Thema Fußball in die App aufnehmen“, ergänzt Jan Graf. Denn für viele sei das eine erste Möglichkeit, deutschen Jugendlichen über Sprachgrenzen hinweg zu begegnen. „Und da ist es natürlich wichtig, dass man zumindest weiß, was Tor, Abseits oder Freistoß heißt.“

Text: Sabine Damaschke

Fotos: Kerstin Rüttgerodt

Weitere Informationen

Migration und Flucht

Zurück zur Liste