30. November

Inklusion - Gute Beispiele

Bahnhofsmission Inklusiv - Reisehilfe einmal umgekehrt

Ludger Lang und Josef Dahmann am Essener Hauptbahnhof (v.l.)

An Deutschlands Bahnhöfen sind Menschen mit Behinderungen meistens diejenigen, die Hilfe bekommen. In Essen ist es umgekehrt: Hier unterstützen Menschen mit Handicap die Reisenden. Gemeinsam mit ehrenamtlichen Mitarbeitern der Bahnhofsmission bieten sie in sogenannten „Tandems“ ihre Hilfe an. Das bundesweit einmalige Inklusionsmodell kommt gut an.

Reisenden den Weg zum nächsten Gleis weisen, eine Fahrplanauskunft geben, beim Umsteigen helfen – Alles kein Problem für Ludger Lang von der Bahnhofsmission Essen. Nur bei den Ticketautomaten verliert er schnell die Lust. „Das überlasse ich gerne meinem Kollegen Josef“, gibt er zu. „Er kennt sich mit diesen Automaten viel besser aus als ich.“ Josef Dahmann nickt und fügt stolz hinzu: „Das stimmt. Da bin ich richtig gut.“

Seit zwei Jahren sind Ludger Lang und Josef Dahmann eines der drei inklusiven Tandems der Essener Bahnhofsmission, die Reisenden samstags helfen, sich auf dem Hauptbahnhof zurechtzufinden. „Die meisten merken gar nicht, dass Josef geistig behindert ist“, erzählt Lang. „Und genau so soll es ja auch sein.“ Inklusion, so die Idee des bundesweit einmaligen Projekts, kann längst Alltag sein. Auch oder gerade in der ehrenamtlichen Arbeit.

 

Ulrike Peine ist froh über ihre Mitarbeiter mit Handicap

Selbstbewusstsein durchs Ehrenamt

„Wir sehen es als echte Bereicherung, drei ehrenamtlichen Mitarbeiter mit Handicap zu haben“, betont die Leiterin der Essener Bahnhofsmission, Ulrike Peine. „Sie sind ausgesprochen freundlich und helfen sehr gerne.“ Viele geistig behinderte Menschen seien sich dieser Stärke nicht bewusst. Das Ehrenamt gebe ihnen nicht nur Selbstbewusstsein, sondern ermögliche ihnen auch, neue Kontakte außerhalb der Werkstätten zu knüpfen, meint die Sozialarbeiterin.

„Im Laufe der zwei Jahre sind wir Freunde geworden“, sagt Ludger Lang und klopft Josef Dahmann kameradschaftlich auf die Schulter. Lang engagiert sich bereits seit fünf Jahren bei der Essener Bahnhofsmission. Der 67-jährige Rentner gehört zu den ältesten Mitarbeitern. Insgesamt arbeiten rund 60 Freiwillige bei der Bahnhofsmission, der Großteil ist jünger als 20 Jahre. Im Ruhestand, so erzählt Lang, wollte er gerne ein Ehrenamt ausüben, das abwechslungsreich ist und in dem er mit vielen verschiedenen Menschen zu tun hat. „Die Bahnhofsmission ist dafür ideal“.

Als das Inklusionsprojekt im November 2013 gestartet wurde, war er sofort dabei. Auf dem Rotthoffs Hof der Diakonie Bottrop hatte der ehemalige Elektroingenieur bereits mit Menschen mit geistiger Behinderung beim Umbau eines Pferdestalls zusammengearbeitet. Die Erfahrungen waren so positiv, dass Lang sich für das erste Tandem meldete. Seitdem hat er gemeinsam mit Josef Dahmann Tausenden von älteren und behinderten Menschen, Familien, aber auch Obdachlosen und Migranten aus Osteuropa geholfen. Kein Wunder, kommen am Essener Hauptbahnhof doch täglich rund 170.000 Menschen an.

 

Lachen gehört dazu: Dahmann und Lang vor dem Fahrkartenautomaten

Gemeinsam „auf der Piste“

Jeden Samstag gehen die beiden unterschiedlichen Männer in den blauen Westen der Bahnhofsmission „auf die Piste“, wie Lang schmunzelnd erklärt. Sie laufen den Bahnhof ab und halten Ausschau nach Menschen, die Hilfe brauchen. Während in der Woche die Pendler das Gros der Fahrgäste ausmachen, sind gerade am Wochenende Fernreisende unterwegs, die in der Ruhrgebietsstadt umsteigen, sich aber nicht auskennen. „Meistens sprechen wir Reisende an, die ratlos vor den Plänen oder Ticketautomaten stehen“, erzählt Josef Dahmann. „Oder wir helfen beim Koffertragen oder Einsteigen in den Zug.“

Nicht nur zu den Ferienzeiten haben die beiden Mitarbeiter alle Hände voll zu tun. Vor allem Zeiten, in denen die Bahn streikt oder es aufgrund von Unwettern zahlreiche Zugausfälle gibt, sind stressig. „Eine wesentliche Voraussetzung für diesen Job ist Geduld“, meint Ludger Lang. Vor allem dann, wenn mehrere Reisende gleichzeitig eine Auskunft haben möchten. Während der Wartezeit, wenn die Gemüter erhitzt sind, verteilt das Tandem auch gerne mal Getränke zur Beruhigung. Das kommt gut an.

 

Auf Vorurteile stößt Josef Dahmann am Bahnhof nur selten

Seismograf für soziale Trends

Die Reisenden seien in der Regel sehr dankbar, sagt der 51-jährige Dahmann. „Ich habe erst einmal erlebt, dass eine Frau mich beschimpft hat, weil wir einen Krankenwagen für einen Obdachlosen bestellt haben.“ Vor allem im Winter sammeln sich wohnungslose Menschen am Bahnhof über den warmen Abluftschächten. Am Essener Hauptbahnhof treffen die Mitarbeiter auch auf viele Migranten aus Osteuropa, die dort auf der Suche nach Arbeit stranden. „Essen teilen wir nicht aus, auch einen Schlafplatz gibt es bei uns nicht“, erzählt Lang. „Aber wir erklären den Menschen bei einer Tasse Kaffee oder Tee, wo sie in unserer Stadt Hilfe bekommen.“

Tagtäglich kümmere sich die Bahnhofsmission um 60 bis 100 Menschen, viele davon mit sozialen Problemen, schätzt Ulrike Peine. „Wir sind eine Art Seismograf für die Gesellschaft, denn wir bekommen oft als erste mit, welche Gruppe besondere Probleme hat.“ Eine Zeitlang seien es stromernde Straßenkinder gewesen, erzählt Lang. Heutzutage habe er zunehmend mit Flüchtlingen, Arbeitsmigranten und Alkoholikern zu tun. „Es ist nicht immer einfach, das ganze soziale Elend direkt vor Augen zu haben“, gibt Lang zu. „Aber es gehört eben auch zur Welt des Bahnhofs.“

Eine Welt, die vielfältiger kaum sein könnte. Auf ihren Touren durch den Bahnhof begegnen Ludger Lang und Josef Dahmann vom Manager bis zum Obdachlosen allen sozialen, kulturellen und religiösen Gesellschaftsschichten. Und machen dabei deutlich: Auch Inklusion passt in diese Welt.

Sabine Damaschke

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