25. Februar 2016

Schwangerschaftsberatung für geflüchtete Frauen

Zu wenig Geld für Dolmetscher

Foto: JB/Wikimedia Commons

In die Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen von Diakonie und Kirche kommen zunehmend schwangere Flüchtlingsfrauen. Sie beantragen dort finanzielle Unterstützung für die Erstausstattung ihres Kindes. Doch viele brauchen mehr als das. Auf einer Fachtagung der Diakonie RWL haben sich Mitarbeitende der Beratungsstellen jetzt ausgetauscht, wie sie helfen können. Ein Problem sind die fehlenden Dolmetscher.

Babykleidung und -nahrung, Windeln, Pflegemittel und Kinderwagen – Wer ein Kind bekommt, braucht Geld für die sogenannte "Erstausstattung". Seit über 30 Jahren erhalten schwangere Frauen, denen dieses Geld fehlt, bei der Bundesstiftung "Mutter und Kind – Schutz des ungeborenen Lebens" finanzielle Hilfen. Das gilt auch für Flüchtlingsfrauen, die in Deutschland ihr Kind bekommen. Beantragen können sie die Unterstützung bei den Schwangerschaftsberatungsstellen. Das tun inzwischen immer mehr geflüchtete Frauen.

 

Veranstalterinnen den Tagung: Birgit Funke, Melanie Klaus und Christiane Vetter (v.l.)

Ungereimtheiten in der Gesundheitsversorgung

"Die Antragstellung ist meist ein Türöffner für einen längeren Unterstützungs- und Beratungsprozess", beobachtet Melanie Klaus, Referentin der Diakonie RWL für Schwangerschaftskonfliktberatung. Denn die Flüchtlingsfrauen brauchen häufig mehr als nur finanzielle Unterstützung. Sie kennen das System der Vorsorgeuntersuchungen in Deutschland nicht, die Geburt in einer Klinik ist ihnen oft fremd, und sie verstehen die Sprache nicht. Viele haben auf ihrer Flucht Gewalt erlebt, sind sehr verunsichert oder gar traumatisiert. "Die Flüchtlingsfrauen zu begleiten, ist für unsere Beraterinnen und Therapeutinnen eine neue Herausforderung, auf die sie sich gut vorbereiten wollen."

Die Diakonie RWL hat deshalb in Kooperation mit der Evangelischen Hauptstelle für Familienberatung und Lebensberatung, der Evangelischen Konferenz für Familien- und Lebensberatung und der Diakonie Deutschland einen Fachtag veranstaltet, der sich ausführlich mit dem aktuellen Asylrecht und den sozialrechtlichen Ansprüchen der Flüchtlinge beschäftigte. Gerade in der Gesundheitsversorgung komme es zu Ungereimtheiten, erklärte Asylrechtsexperte Carsten Hörich, Lehrbeauftragter an der juristischen und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. So bestehe zwar ein Anspruch auf ärztliche Behandlung bei akuten Erkrankungen, nicht aber in chronischen Fällen. "Anspruch auf eine neue, künstliche Hüfte hat niemand, aber auf die Medikamente gegen die akuten Schmerzen."

 

Carsten Hörich

Hilfen rund um die Geburt

Bei psychischen Erkrankungen wird die Behandlung in der Regel nicht bezahlt. "Es muss erst begründet werden, dass eine Behandlung unerlässlich ist, wenn zum Beispiel eine Suizidgefährdung vorliegt." Werdenden Müttern steht laut Hörich aber ärztliche und pflegerische Hilfe und Betreuung zu. Darunter fallen auch die medizinischen Vorsorgeuntersuchungen sowie die Entbindung in der Klinik.  Schwangerschaftsabbrüche werden ebenfalls bezahlt. "Das Schwangerschaftskonfliktgesetz ist eines der wenigen Gesetze, das uneingeschränkt auch für Asylsuchende gilt."

Allerdings, so betonte Christiane Vetter von der Evangelischen Hauptstelle für Familien- und Lebensberatung in Düsseldorf kämen viele Flüchtlingsfrauen erst nach der 20. Schwangerschaftswoche in die Beratung. "Wir rechnen aber damit, dass künftig mehr Frauen zu früheren Zeitpunkten zu uns kommen werden." Da in den Heimatländern der Flüchtlinge psychologische Beratungsstellen meist unbekannt seien, müsse sich erst herumsprechen, dass es in Deutschland diese Unterstützungsangebote gebe.

 

Sabine Rauch

Rollenspiel mit Dolmetscher

Eine Beratungsgespräch mit Dolmetscher, womöglich noch, wenn es um sexuelle Gewalt auf der Flucht und vielleicht um einen Schwangerschaftsabbruch geht – für viele Beraterinnen ist das noch ein heikles Feld, zumal die Frauen oft Bekannte oder Nachbarn zum Übersetzen mitbringen. Wie Qualitätsstandards aussehen können, erklärte Sabine Rauch vom Psychosozialen Zentrum Düsseldorf. Schon seit 15 Jahren arbeitet die Therapieeinrichtung, die ausschließlich Migranten und Flüchtlinge bereut, mit geschulten Sprach- und Integrationsmittlern der Diakonie. "Unser Ansatz ist dabei das konsekutive Dolmetschen", erklärte die Fachberaterin für Psychotraumatologie. "Wir sitzen im Halbkreis, in der Mitte ist der Sprach- und Integrationsmittler, der jedes Wort übersetzt, das gesprochen wird."

Auch er unterliege genau wie sie als Therapeutin der Schweigepflicht. Dies müsse vorab geklärt werden, so Rauch. Dieser Dolmetscher sei eine neutrale Person, die zwar empathisch und respektvoll mit dem Klienten umgehe, aber sich nicht mit ihnen "verbrüdere". Auf der Fachtagung zeigte Sabine Rauch anhand eines Rollenspiels mit zwei Sprach- und Integrationsmittlern, wie diese Neutralität sich im Gespräch auswirkt.

 

Die Politik in die Pflicht nehmen

Der Einsatz von Sprach- und Integrationsmittlern sei sinnvoll und notwendig, so die Reaktion der rund 80 Teilnehmenden der Fachtagung, aber genau dafür gebe es in den meisten Beratungsstellen kein Geld. "Wir wurschteln uns so durch mit Übersetzungsprogrammen auf Handys", erzählte eine Beraterin aus Bonn. Die Finanzierung sei eine einzige Katastrophe, gab auch Sabine Rauch zu. Doch das Psychosoziale Zentrum bezahle die Sprach- und Integrationsmittler im Rahmen von Projektmitteln. "Die müssen beantragt werden, und das ist Arbeit, aber es lohnt sich."

Für die Schwangeren- und Schwangerenkonfliktberatungsstellen ermöglicht das Land NRW nach Aussage von Melanie Klaus eine Übernahme der Dolmetscherkosten in Höhe von 80 Prozent, die über die beiden Landschaftsverbände am Jahresende rückwirkend abgerufen werden können. Dies sei schon ein großer und hilfreicher Schritt, so Klaus. Dennoch blieben 20 Prozent der Kosten ungedeckt. Für die Träger bedeute dies eine finanzielle Mehrbelastung, gerade dann, wenn in Ballungsgebieten oder in Regionen mit Erstaufnahmeeinrichtungen die Personengruppe der asylsuchenden Frauen die Hälfte der gesamten Ratsuchenden ausmache.

Birgit Funke von der Evangelischen Konferenz für Familien- und Lebensberatung rief dazu auf, die politisch Verantwortlichen in Kommune und Land in die Pflicht zu nehmen. "Machen Sie richtig Druck, damit Sie Geld für Dolmetscher bekommen."

Teaserbild: JB/Wikimedia Commons

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