18. Februar 2016

Allianzen in der Flüchtlingsarbeit

Mit Zuversicht die Integration gestalten

Nicht nur Redner, auch gute Zuhörer: Ulrich Lilie und Carina Gödecke

Verteilungsquoten, Obergrenzen, Familiennachzug – In Deutschland und Europa wird derzeit heftig über die Flüchtlingspolitik gestritten. Unterdessen haben die Helfer vor Ort längst begonnen, die Integration zu gestalten. Dabei sind in den Kommunen neue Allianzen entstanden. Wie sie aussehen und welche politische Unterstützung sie brauchen, wurde jetzt in Dortmund auf einer Veranstaltung der Diakonie RWL, des Evangelischen Kirchenkreises Dortmund, der Ruhrgebiets-Superintendenten und der Evangelischen Fachhochschule RWL diskutiert. Mit dabei: Diakonie-Präsident Ulrich Lilie und NRW-Landtagspräsidentin Carina Gödecke.

Atheisten betreuen gemeinsam mit engagierten Kirchenmitgliedern Flüchtlingsfamilien in ihrem Stadtteil. Migrantenvereine, Wohlfahrtsverbände, Kirchen und Sportvereine gestalten Freizeitangebote für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Arbeitslose und Manager arbeiten ehrenamtlich Seite an Seite in der Flüchtlingsunterkunft. Allianzen sind entstanden, die, so betonte Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland, niemand für möglich gehalten hätte und die Ausdruck einer neuen "Kultur der Improvisation" sind. "Wir brauchen Leute, die mit Zuversicht Integration gestalten, und die finden wir vor Ort."

 

Veranstalter und Gäste: Superintendent Ulf Schlüter und Pastorin Barbara Montag (Diakonie RWL) mit Ulrich Lilie und Carina Gödecke

Viele dieser "Integrationsgestalter" waren am Dienstagabend in die Dortmunder Pauluskirche gekommen, um über die neuen Allianzen in der Flüchtlingsarbeit zu debattieren und sich darüber auszutauschen, wie die Hilfe vor Ort gemeinsam von Ehrenamtlichen und Profis gestaltet werden sollte, damit sie erfolgreich ist. Unter dem Titel "Wir schaffen das – nur gemeinsam! Erfolgreiche Allianzen in der Flüchtlingsarbeit“ hatten die Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe, die Evangelische Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe, die Konferenz der Ruhrgebiets-Superintendenten und der Evangelischen Kirchenkreis Dortmund zu der Veranstaltung eingeladen. Der Ort, so betonte Superintendent Ulf Schlüter, sei genau richtig gewählt, denn in Dortmund finde schon seit mehr als 100 Jahren Zuwanderung statt. "Hier leben inzwischen Menschen aus über 150 Nationen."

 

2016 als "Jahr der Integration"

Es sei Zeit für Allianzen unterschiedlichster gesellschaftlicher Gruppierungen und Organisationen auch auf Landes- und Bundesebene, forderte Diakonie-Präsident Ulrich Lilie. Eine humane Flüchtlings- und Asylpolitik brauche keine Zuschauer, sondern Akteure, „die Teil der Lösung sind“. Er wies dabei auf die Erklärung der noch neuen„Allianz für Weltoffenheit“ hin, zu der Arbeitgeberverbände, Religionsgemeinschaften und auch Gewerkschaften gehören, und die sich für Humanität und gegen Fremdenhass engagiert. 

2016 müsse das Jahr der Integration werden, so Lilie weiter. "Wir müssen alles dafür tun, damit die Flüchtlinge die Möglichkeit haben, hier bei uns anzudocken". Der Diakoniechef kritisierte, dass die politischen Rahmenbedingungen dafür noch immer mangelhaft sind. Es dauere mitunter 15 Monate, bis Flüchtlinge am gesellschaftlichen Leben teilnehmen könnten. "Zwei Stunden Sprachkurs pro Woche sind dafür zu wenig."

 

Beispiel für eine erfolgreiche Allianz: der Syrer Tarek (vorne) und der Dortmunder Tobias spielten Weltmusik

Politische Debatten stärken Rechtsextreme

Auch die nordrhein-westfälische Landtagspräsidentin Carina Gödeke übte Kritik an der Flüchtlingspolitik des Bundes. Die Bürger erwarteten, dass die Politik eine Orientierung gebe, stattdessen stritten die Parteien über immer neue Ideen, vom Asylpaket II über das Integrationspaket bis hin zu einer Flüchtlingsagenda 2020. "Es ist gefährlich, wenn der Eindruck entsteht, dass es dabei nur um Machtpolitik und nicht um konkrete Lösungen der Flüchtlingskrise geht." Sie sei in "großer Sorge", so Gödeke, dass diese Debatten all jene stärkten, die "keine Garanten für Demokratie und Freiheit in unserem Land sind".

Die Angst vor Überforderung durch die Flüchtlinge und vor Terroranschlägen drücke sich zunehmend durch aggressiven Hass in den sozialen Netzwerken aus. Rechtsextreme Positionen zu vertreten, scheine nach den Silvesterübergriffen "hoffähig" geworden zu sein. Der Zusammenhalt in der Gesellschaft, der sich noch Mitte des vergangenen Jahres in einer eindeutigen Willkommenskultur gezeigt habe, drohe zu bröckeln. "Es ist wichtig, dass wir hier eine klare Haltung haben und Nein sagen zu Rechtsextremismus und Bürgerwehren."

 

Engagierte Dortmunder Flüchtlingshelfer: Michael Mertins und Paul-Gerhard Stamm (v.l.)

Meinungsvielfalt zulassen, Foren gründen

Friedrich Stiller, Leiter des Referats für Gesellschaftliche Verantwortung beim Kirchenkreis Dortmund, plädierte dafür, eine "ehrliche Debatte" über die Flüchtlingshilfe zu führen und dafür gezielt Foren einzurichten. "Wir haben in dieser Gesellschaft ein breites Spektrum, das von sehr Engagierten bis zu Menschen reicht, die Vorbehalte gegenüber Flüchtlingen haben und beide Enden müssen wir zusammenbringen."

Die Dortmunder Flüchtlingshelfer machten deutlich, dass es dafür in ihrer Stadt viele positive Beispiele gibt. Michael Mertins, Pfarrer der Christusgemeinde Dortmund, berichtete von einem Dialogforum, das er bereits 2011 gegründet hat, als die kommunale Flüchtlingsunterkunft in den Stadtteil Lütgendortmund verlegt wurde und es massiven Widerstand dagegen gab. Dies sei der Startschuss für eine aktive Flüchtlingsarbeit mit Kleider- und Möbelkammer, Sprachkursen, Freizeitangeboten und Patenschaften für Familien gewesen, die seine Gemeinde und den Stadtteil verändert habe. "Die Flüchtlinge bereichern unser Leben", sagte Mertins. "Rechte Parolen haben in unserem Stadtteil keine Chance mehr."

 

Volle Kirche: rund 200 Menschen nahmen an der Dortmunder Veranstaltung teil

Kritik an "Projekteritis" und Ehrenamtskoordination

Christina Kaiser, Leiterin der Flüchtlingsunterkunft Adlerstraße, und Uta Schütte-Haermeyer, Leiterin des Fachbereichs Flucht und Migration, berichteten über eine gute Zusammenarbeit zwischen ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitern in der Dortmunder Flüchtlingshilfe. "Natürlich sind Ehrenamtliche oft widerständig und ungeduldig, aber das dürfen sie auch sein", so Schütte. Die hauptamtlichen Flüchtlingshelfer hätten oft mit zu viel Bürokratie zu kämpfen, was schwer zu vermitteln sei. Ständig müssten neue und komplizierte Projektanträge gestellt werden. Eine langfristige Regelfinanzierung fehle dagegen.

Scharfe Kritik an der Koordination der Ehrenamtsarbeit übte der pensionierte Dortmunder Superintendent Paul-Gerhard Stamm, der Patenschaften, Sprachlehrer und ein Netzwerk für Ehrenamtliche in der Stadt organisiert. Inzwischen habe jeder Wohlfahrtsverband und Verein einen Ehrenamtskoordinator, aber gut vernetzt seien sie nicht. "Wir brauchen unbedingt einen kommunalen Ehrenamtskoordinator, bei dem alle Fäden zusammenlaufen", forderte Stamm.

Die NRW-Landtagspräsidentin versprach, sich dafür einzusetzen. Die Politik müsse ebenfalls dafür sorgen, dass Projektanträge künftig konkreter gestaltet seien und schneller bearbeitet werden könnten. Außerdem benötigten die Kommunen mehr Geld für die Integration. "Wir setzen die Rahmenbedingungen, damit die Allianzen vor Ort erfolgreich arbeiten."

Text: Sabine Damaschke

Fotos: Stephan Schütze

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