4. Dezember 2015

Reportage

Neue Heimat Kirche - Ehrenamtliche helfen Flüchtlingen

Ein Mann der Tat: Thomas Drothler

Altar, Kanzel und Taufbecken hatten hier hundert Jahre lang ihren Platz. Jetzt stehen in einer evangelischen Kirche in Oberhausen Feldbetten und Trennwände. Das Gotteshaus ist eine Flüchtlingsunterkunft für Menschen aus Syrien. Tatkräftig stehen Ehrenamtliche aus der Kirchengemeinde den Flüchtlingen zur Seite.

Thomas Drohtler ist ein Original. Mit seiner lockeren, aber zupackenden Art verkörpert er so etwas wie den klassischen Typus des Menschen aus dem Ruhrgebiet: offen, herzlich, manchmal derbe, aber immer hilfsbereit und um das Wohl der Mitmenschen bemüht. Früher war Drothler bei der Post, jetzt ist er im Ruhestand. Jetzt kümmert er sich ehrenamtlich um Flüchtlinge in der evangelischen Kirche in Schmachtendorf. Seit gut zwei Wochen leben rund 50 Menschen aus Syrien in der hundert Jahre alten Kirche im Oberhausener Stadtteil. „Jeden Tag bin ich da und bringe täglich Kisten mit Mandarinen in die Kirche“, erzählt Thomas Drothler. „Die Kinder kennen mich schon, die sagen, da kommt der Opa mit den Mandarinen.“

 

Aber nicht nur um die Vitamine kümmert sich der Pensionär, sondern auch um die Vermittlung von Wohnraum für die Migranten. Drohtler soll, wie man munkelt, dabei auch unkonventionelle Wege gehen. So wird erzählt, dass er bei einem stadtbekannten Immobilienmakler nach Wohnungen gefragt hat, aber die haben dort direkt abgewunken. Der Makler wird allerdings künftiger Karnevalsprinz der Stadt. Und es passe nicht zusammen, dass ein Prinz nichts für Flüchtlinge tue, soll Drothler gesagt haben. Was da Medien wohl daraus machten, wenn das bekannt würde. Ob es wirklich so gelaufen ist, bleibt dahin gestellt. Das Ergebnis jedenfalls sind zwei Wohnungen.

 

Oberhausener Kirche in US-Medien

Doch nicht nur Thomas Drothler ist aktiv in der Flüchtlingsarbeit. Pfarrer Thomas Lewin selber zeigt sich überrascht, wie schnell sich Menschen zusammen gefunden haben, auch solche, die in der Gemeinde zuvor noch nicht in Erscheinung getreten waren. „Innerhalb von 48 Stunden nachdem die Stadt die Betten aufgebaut hatte, bekamen wir 50 Wolldecken und 40 Leute tauchten auf, um die Kirche wohnlich zu gestalten“, berichtet Lewin. Von Anfang an hat die Kirchengemeinde die zu koordinierende Arbeit in Einheiten aufgeteilt. So wurden Bereiche wie medizinische Versorgung, Hilfe bei Verwaltungsangelegenheiten, technische Dienste und Kinder und Freizeitbetreuung eingerichtet.

Flankiert wird die Arbeit von großer Medienpräsenz. Die Unterbringung hatte bundesweit für Beachtung gesorgt und sogar ihren Weg bis in US-amerikanische Talkshows gefunden. „Mitglieder eines amerikanischen Chores, die vor kurzen hier zu Besuch waren, haben uns davon erzählt“, sagt Pfarrerin Stephanie Züchner, die ebenfalls für die Flüchtlinge zuständig ist. Dabei war es für die Gemeinde nur eine normaler Akt der Nächstenliebe gewesen, das Gotteshaus zur Verfügung zu stellen. „Wenn man zwei Mäntel hat und ein anderer hat gar keinen, dann teilt man. Wir hatten zwei Kirchen und konnten eine davon für Winterzeit als Quartier anbieten“, so die Pfarrerin.

 

Trennwände sorgen für Privatsphäre

 

Sorge vor rechtsextremen Übergriffen

Diese Entscheidung sorgte im Vorfeld für ein geteiltes Echo. „Ein großer Teil der Gemeindemitglieder unterstützt uns und will helfen, aber es gibt auch andere, die sogar aus der Kirche austreten wollen, das ist aber eine Minderheit“, erzählt Gemeindepfarrer Thomas Levin. Um vor möglichen Angriffen aus dem rechten Milieu geschützt zu sein, existiert ein Wachdienst und die Polizei fährt regelmäßig Streife.

Die Flüchtlinge haben sich inzwischen eingerichtet. Jeden Tag wird die Kirche geputzt, die Sanitäranlagen werden gepflegt, und die Menschen sind sehr bemüht, sich unter den schwierigen Verhältnissen einzuleben. Viele sehen erschöpft aus, aber auch glücklich, endlich zur Ruhe kommen zu können. Die meisten Syrer sprechen gutes Englisch und haben offenbar eine gute Schulbildung erfahren. Einzig die Sache mit dem Caterer ist für sie gewöhnungsbedürftig. Statt mit täglich mit gekochten Speisen versorgt zu werden, würden sie lieber selbst kochen. Die Helfer dabei, für dieses Problem eine Lösung zu finden.

 

Diakonie hilft bei Suche nach Privatwohnungen

Den meisten Kindern fällt der Einstieg in das neue Leben in Deutschland leichter als den Eltern. Sie nutzen ihre Spielecke in der Kirche und haben auch den Kirchgarten als Abenteueroase für sich entdeckt. Aus der Gemeinden kommen regelmäßig deutsche Kinder und Jugendliche zum Spielen in die Kirche. „Sie nehmen die Flüchtlingskinder mit zur Schule oder zum Sport“, sagt Verena Altena, eine weitere ehrenamtliche Helferin.

Thomas Levin und Verena Altena planen in der Gemeindeküche

 

Auch wenn sich die Familien inzwischen in der Kirche eingelebt haben, ist diese Unterbringung nur eine Zwischenlösung. Die Stadt möchte möglichst viele Migranten in privaten Wohnraum vermitteln. Auch das Diakonische Werk in Oberhausen will sich dabei engagieren. Es soll eine Stelle eingerichtet werden, die die Unterbringung in Privatwohnungen organisiert und die Bewohner begleitet. Es finden bereits erste Planungsgespräche statt, wie Leiter Reinhard Harfst bestätigt.

Langfristig will der finanzschwache Evangelische Kirchkreis Oberhausen die alte Schmachtendorfer Kirche außer Betrieb stellen. Die Finanzierung und Unterhaltung des Gebäudes ist zu kostspielig. Allerdings steht sie unter Denkmalschutz. Für die Bewohner ist das zweitrangig. Sie haben zunächst ein Quartier, das besser ist als eine Turnhalle. Und sie haben Thomas Drohtler – den Mann mit den Mandarinen.

Reportage und Fotos: Carsten Grün

 

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