23. Februar 2016

Inklusion - Gute Beispiele

Zusammenleben gestalten - Kunst verbindet

Frank diskutiert gerne mit Künstlerin Anabel Jujol

Sich über Farben, Formen und Linien auszudrücken, gefällt vielen Menschen mit Behinderung. Nicht selten gibt es unter ihnen kreative Künstler. In Essen nutzt die Diakonie die Begeisterung für Kunst, um Menschen mit und ohne Behinderung in einem besonderen Atelier zusammenzubringen. Für viele ist die Kunstwerkstatt zu einem Ort der Freiheit geworden.

Es ist 19 Uhr, stockfinster, nasskalt und windig. Durch die Fenster der kleinen Kunstwerkstatt am Wilhelm-Becker-Haus des Diakoniewerks Essen aber leuchtet es einladend hell. Drinnen herrscht auf ersten Blick ein mittleres Chaos. Da werden noch Tische geschoben, Stühle verrückt, Leinwände gesucht, Farben und Stifte verteilt. Es dauert einen kleinen Moment, bis alle für diesen Abend ihren Platz und das Material gefunden haben, mit dem sie sich die nächsten anderthalb Stunden beschäftigen wollen. Mittendrin steht Anabel Jujol, freischaffende Künstlerin und Leiterin der Kunstwerkstatt. Sie kümmert sich, lacht und begrüßt noch gleichzeitig fünf Sonderpädagogik-Studentinnen der Technischen Universität Dortmund, die an diesem Abend gekommen sind, um sich das inklusive Projekt, über das Anabel Jujol einen Tag später an ihrer Uni erzählen wird, mit eigenen Augen anzusehen. 

 

Martin liebt Leuchttürme in allen Farben und Formen

Kunst als Gemeinschaftserlebnis

Wobei es eigentlich nicht geht, sich diese besondere Kunstwerkstatt einfach nur anzusehen. Das wäre auch nicht im Sinne des Projektes. Wer kommt, ist herzlich eingeladen mitzumachen. "Ich freue mich immer, wenn Menschen hier ihre Angst vor dem weißen Blatt verlieren", erzählt Anabel Jujol. Was hier zählt, ist die Freude am Schaffen. Es ist Lust an der Wirkung von Farben und Linien auf einem Stück Papier oder Leinwand. Das Lieblingsmotiv von Martin sind Leuchttürme, die er mit Acrylfarben auf einen möglichst bunten Hintergrund setzt. "Wow, guck, guck", schreit er, als er sieht, wie schön sich das Pink an seinen rot-weißen Turmklassiker schmiegt und hüpft vor Begeisterung in die Luft. Alle anderen freuen sich mit. Kunst ist ein Gemeinschaftserlebnis. 

"Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Kunstwerkstatt malen gern zu zweit oder zu dritt an einem größeren Bild", erklärt Anabel Jujol. Frank beispielsweise, ein Künstler mit sehr eigenen Vorstellungen und sehr eigenwilligen Motiven. Er zeichnet gern und hat nichts dagegen, wenn einige seiner Werke von anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern koloriert werden. Eine Lockerheit, die unter Künstlern wohl eher selten zu finden ist. Überhaupt, eitel geht es hier gar nicht zu. Vielmehr erscheint diese Werkstatt als ein Ort, der Freiheit atmet.

 

Die Kunstwerkstatt - ein Raum, im dem Kreativität statt Leistung zählt

Freude am eigenen Schaffen

Die Kunstwerkstatt im Diakoniewerk Essen gibt es seit 2001. Initiiert wurde sie von Werner Cüppers, Künstler und damaliger stellvertretender Einrichtungsleiter des Wilhelm-Becker-Hauses, einer Wohneinrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung. Sie gab dem Haus von Anfang an ein deutlich sichtbares Profil, stand und steht aber auch als mobiles Angebot Bewohnerinnen und Bewohnern anderer Einrichtungen des Diakoniewerks offen.

Ziel war immer, einen Ort zu schaffen, an dem Menschen sich frei von Leistungsansprüchen und Förderzielen ausprobieren können. Was Kunst kann, gilt für alle Menschen, aber gerade Menschen mit eingeschränkten kommunikativen und sprachlichen Fähigkeiten gelingt es oft künstlerisch leichter, Erfahrungen und Erlebnisse kreativ zu verarbeiten und Emotionen auszuleben. Gleichzeitig ist Kunst ein guter Brückenschlag, um Menschen zusammenzubringen und zu verbinden.

 

Berührungsängste abbauen

Immer hat es darum in der Kunstwerkstatt das Bemühen gegeben, Kontakte zur Kunstszene zu knüpfen und mit den eigenen Werken an die Öffentlichkeit zu gehen. Im vergangenen Jahr etwa fand unter dem Titel "schön schräg" eine Ausstellung im Landgericht Essen statt. In diesem Jahr wird die Kunstwerkstatt auf jeden Fall wieder an der Essener "Kunstspur" beteiligt sein. Dann werden Arbeiten von Künstlern aus der Kunstwerkstatt bunt gemischt mit Arbeiten anderer Künstler im Atelier von Anabel Jujol zu sehen sein. Die Begegnung im Atelier als Türöffner, der hilft, Berührungsängste zwischen Kunstliebhabern und Künstlern mit Behinderung abzubauen.

Konzentrierte Arbeit in der Kunstwerkstatt

Wenn Christian nicht malen will, fotografiert oder filmt er gern. "Nun überlege ich, wie wir seine Bilder in den Katalog einfließen lassen können, der für dieses Jahr fest auf der Agenda steht", meint Anabel Jujol. Dieser Katalog soll sowohl die Künstlerinnen und Künstler als auch die Arbeit der Werkstatt dokumentieren. Eine Idee, die gut ins Konzept passt, das nicht nur die Kunst sichtbar machen, sondern auch die Künstlerinnen und Künstler einen Schritt weit nach außen begleiten möchte.

So fährt Anabel Jujol mit ihren Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu Ausstellungen, um mit ihnen gemeinsam anzuschauen, was andere Künstler so malen. Gerade sind die neuen Büroräume der Ambulanten Erziehungshilfe mit Werken aus der Kunstwerkstatt verschönert worden, die Künstler selbst kamen vorbei und verschafften sich bei Sekt und Häppchen einen eigenen Eindruck. Im April gibt es eine Kunstfreizeit im niedersächsischen Bremervörde, und immer wieder nimmt Anabel Jujol auch Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit in ihr eigenes Atelier, wo sie in einer noch einmal ganz anderen Atmosphäre allein oder gemeinsam mit anderen Künstlern arbeiten können.

Text und Fotos: Julia Fiedler

 

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